• vom 01.04.2011, 13:36 Uhr

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Update: 01.04.2011, 13:36 Uhr
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Perspektive der Peripherie

Peltzer, Ulrich: Angefangen wird mittendrin


Von Uwe Schütte
  • Über Ulrich Peltzers Frankfurter Poetikvorlesungen.

Die Einladung zu einer Poetikvorlesung kommt für jeden Schriftsteller einem literarischen Ritterschlag gleich, zumal wenn es sich um jene der Universität Frankfurt handelt. Heuer war Ulrich Peltzer an der Reihe, der seit seinem Roman "Teil der Lösung" (2007) als feste Größe der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur etabliert ist. Meist nutzen Schriftsteller ihre Poetikvorlesungen, um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern, indem sie von ihrer Entwicklung zum Autor oder von der Entstehung ihrer Bücher berichten. Anders Peltzer: ihm geht es weniger ums Spezifische, mehr ums Allgemeine.

Vom eigenen Beispiel ausgehend, erörtert Peltzer in "Angefangen wird mittendrin", wie man heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, schreiben sollte, will man der Literatur eine Relevanz gewähren, die hinausweist über den Unterhaltungswert einer anspruchsvollen Lektüre für die paar Übriggebliebenen, die ihr Geld lieber in Büchern statt in DVDs investieren. Relevanz gewinnt Gegenwartspoetik nur dadurch, dass ihr eine Form der Schilderung, der Abbildung von Wirklichkeit gelingt, "die den globalen Veränderungen der letzten dreißig Jahre Rechnung trägt".

Am Beginn steht die Frage, wie man den Prozess des Erzählens in Gang setzt, oder vielmehr: wie dieser, fast automatisch, in Gang gerät durch bestimmte Erlebnisse oder Erfahrungen, mit denen man überraschend konfrontiert wird. Das Schreiben nämlich, so Peltzer, "ist kein therapeutischer Akt, Schriftsteller sind keine Kranken, die sich und ihre Nächsten behandeln, sondern sie lesen die Symptome der Welt". Dafür dient ihm James Joyce als Gewährsmann, indem er an "Ulysses", diesem paradigmatischen Großstadtroman, zeigt, wie Metropolen sich als Generatoren und Impulsgeber unserer modernen Realität erweisen.

Vorlesung Nr. zwei springt an Hand der Geschichte des Robinson Crusoe ins genaue Gegenteil: Allein, verlassen und auf sich selbst zurückgeworfen, landet der Sklavenschmuggler auf einer Insel. Und obwohl er dort ungebunden lebt und jede Freiheit hat, unterwirft er sich selbst den internalisierten Verhaltensnormen seiner Gesellschaft: regelmäßiges Bibelstudium gliedert die Zeit; sich im tropischen Klima im unkeuschen Zustand der Nacktheit zu zeigen, ist für ihn undenkbar. Robinson ist ein Exempel für die (früh-)bürgerliche Selbstzucht, eine soziale Konstruktion, die in modifizierter Form auch heute noch gilt. Der Literatur kommt die Aufgabe zu, so Peltzer, solche ideologischen Annahmen zu unterlaufen und freizulegen.

Am Beispiel eines anderen, ebenfalls vermeintlichen Kinderbuchs, Mark Twains abenteuerlichen Geschichten von Huckleberry Finn, der in den Südstaaten der USA mit einem entsprungenen Sklaven der strengen Obhut seiner Pflegemutter entflieht, zeigt Peltzer, wie sich das Mindere, das Randständige und Periphere als privilegierter Ort der Erkenntnis erweist. Dort nämlich, in den sozialen Außenbezirken, werden "die herrschenden Signifikanten ignoriert, umgedeutet oder unterwühlt", weshalb es gilt, "von den Randzonen aus zu erzählen, und dabei deren Perspektive einzunehmen, sich also einem verdrängten oder denunzierten Alltag zuzuwenden".

In der dritten und letzten Vorlesung erfahren wir doch noch etwas aus der Schreibwerkstatt Peltzers, wie er nämlich in die Arbeit an seinem nächsten Roman hineingerutscht ist, welche Begegnungen und Zufälle seinen neuen Erzählstoff und dessen Konzeption bestimmten. Auf dieses Buch dürfen wir also gespannt sein. Bis es erscheint, haben wir "Angefangen wird mittendrin".

Ulrich Peltzer: Angefangen wird mittendrin. Frankfurter Poetikvorlesungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2011, 170 Seiten, 18,50 Euro.




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Literarisches Buch

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