• vom 11.11.2010, 17:39 Uhr

Bücher-Verzeichnis

Update: 11.11.2010, 17:41 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Leserbrief



Erstmals liegen die Tagebücher komplett auf Deutsch vor

Pepys, Samuel: Die Tagebücher 1660-1669


Von Edwin Baumgartner
  • Bilanz mit Feuer, Pest und Seekrieg.
  • Modernisierungen machen lesbar, verfälschen aber auch.
  • Wien. Sex und Sauferei zuhauf gibt es in den Tagebüchern von Samuel Pepys. Der kluge Staatssekretär im englischen Marineamt zeichnete von 1660 bis 1669 einmal mehr, einmal weniger verblümt die Ereignisse seiner Tage auf. In denen hat sich immerhin so manches ereignet: die Pest, das Feuer von London, der Seekrieg gegen die Niederlande. Die puritanische Republik England verwandelt sich in eine sitten- und zügellose Monarchie.

Samuel Pepys schrieb neun Jahre lang Tagebuch. Foto: Wikipedia

Samuel Pepys schrieb neun Jahre lang Tagebuch. Foto: Wikipedia Samuel Pepys schrieb neun Jahre lang Tagebuch. Foto: Wikipedia

Pepys notiert und bilanziert. Vieles, was auf den insgesamt 4398 Seiten der eben erschienenen deutschen Tagebücher-Ausgabe steht, ist im Grunde uninteressant. Und doch: Es gehört dazu. Ein Ausschnitt aus dem Leben im 17. Jahrhundert. Auch da gab es Banales und Alltägliches. Zumal die brillanten Bosheiten und die genaue Beobachtung und Kuriositäten wie die Feststellung, dass "Romeo und Julia" eigentlich ziemlich langweilig sei, dann sowieso entschädigen. Lektüre mit Suchtgefahr.

Zumal sich das in der Übersetzung von Arnd Kösling, Michael Haupt, Hans-Christian Oeser, Marcus Weigelt, Georg Deggerich und Martin Richter auch süffig liest. Zu süffig. Denn so hat Pepys nicht geschrieben.

Lassen wir die klaren Übersetzungsfehler beiseite (beispielsweise kommt jemand der "robbery" begangen hat, nicht wegen Raubmordes, sondern kommt wegen Raubes an den Galgen, und der auch von Shakespeares Fal staff so geschätzte "sack" war ein spanischer Weißwein und kein Sekt): Was insgesamt nicht stimmt, ist der Tonfall. Natürlich kann man einen englischen Text aus dem 17. Jahrhundert heute nicht in barockes Deutsch übersetzen, wie es eigentlich adäquat wäre. Aber die Modernisierungen stören doch.

Am wenigsten akzeptabel ist jedoch die Glättung des Originals. Ein kurzer Blick in dieses macht sicher: Pepys springt vom Imperfekt ins Präsens und wieder zurück, er reiht Satzfetzen, lässt die Grammatik der gepflegten Sprache beiseite. Das macht den Text ungeheuer lebendig. Die Übersetzung kommt hingegen sehr sauber daher, sie achtet auf das Sprachgefühl des Lesers und packt das ruppige Original in die Watte der korrekten Syntax.

Das erhöht die Lesbarkeit ungemein - aber dem Leser muss auch klar sein, dass er im Grunde nicht Pepys in Übersetzung liest, sondern redigierten Pepys. Da wundert es dann auch nicht, wenn die Kraft einer lakonischen Feststellung im Original in der Übersetzung zur schwächlichen Pseudopoesie verfällt.

Solange man sich jedoch nicht dem - freilich ob des wohl unumgänglichen wiederholten Nachschlagens im Wörterbuch bisweilen mühsamen - Vergnügen unterziehen will, Pepys in der bestmöglichen Variante, nämlich im englischen Original zu lesen, wird man um diese Übersetzung nicht herumkommen. Es sei denn, man will sich des Vergnügens, Pepys zu lesen, von vorneherein ganz berauben.

Samuel Pepys: Die Tagebücher 1660-1669, neun Bände, Haffmanns-Verlag bei Zweitausendeins, 169,90 Euro




Schlagwörter

Sachbuch

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)





Werbung




Werbung