Kai Samweber ist 25 und am Ende. Seit er bei seiner Arbeit als Dachdecker abgestürzt ist, plagen ihn nicht nur chronische Schmerzen, sondern auch chronische Schulden: Sein Chef, der ihm nahegelegt hat, ungesichert auf dem Dach zu arbeiten und laufend Überstunden zu machen, hält ihn mit der Auszahlung des Lohns hin. Ohne Job und ohne Perspektive, dafür mit einer Horde Nazis als Nachbarn, vegetiert Kai in einem Loch von Wohnung in München vor sich hin.
In der Betäubung durch Alkohol und Drogen sucht er das ultimative Gegengift zur Unerträglichkeit des Seins. Sein einziger Freund ist der Türke Shane, der nach ihm sieht und ihn mit Stoff versorgt. Bei Shanes brutalen Brüdern aber steht Kai mit einer großen Geldsumme in der Kreide, und als immer klarer wird, dass er von seinem Ex-Arbeitgeber keinen Cent sehen wird, ist er gezwungen, Drogen zu schmuggeln. Während er permanent Konfrontationen mit der Obrigkeit wie auch mit der kriminellen Szene auszutragen hat, lernt er ein vermeintliches Traummädchen kennen. Die folgende heftige Liaision steigert indes nur noch das Chaos in seinem ohnedies schon aus dem Ruder gelaufenen Leben.
Mit dieser - abgesehen vom etwas absurden Schluss - überzeugend komponierten Hänger-Geschichte hat der 38-jährige, in Vorarlberg und München lebende André Pilz dem naturalistischen Zeitpanorama, als das sich sein Werk seit seinem Debüt mit dem Skinhead-Roman "No llores, mi querida - Weine nicht, mein Schatz" (2005) verstehen lässt, einen weiteren Teil hinzugefügt: Zentrales Thema ist der Gegensatz zwischen den Vermögenden, die immer gut davonkommen, egal, was sie anstellen, - und der immer größere werdenden Menge an Menschen, die kein Weg aus ihren prekären Lebensumständen herausführt, schon gar nicht jener der ehrlichen Arbeit.
Der schnoddrige Straßen-Slang, in dem Pilz die Handlung erzählt, ist zwar nur mäßig sympathisch, passt andererseits perfekt zum Milieu, das den Protagonisten mit der Unerbittlichkeit einer griechischen Schicksalstragödie in bodenloses Unheil verstrickt.
Ein meisterhafter dramaturgischer Kunstgriff sind Kais Briefe an seinen Bruder, die wie innere Monologe anmuten und es - wie sich auf beklemmende Weise herausstellt - auch wirklich sind.
"Man Down" ist ein zwingendes, recht pessimistisches Bild einer Gesellschaft, in der Gewissenlosigkeit, Ausbeutung und Raffgier die Normalität, und Solidarität unter den Besitzlosen die Ausnahme ist.
Der Autor liest am 14. April um 19 Uhr in der Buchhandlung Thalia, Mariahilferstr. 99, 1060 Wien, aus dem Roman.
André Pilz: Man Down. Roman. Haymon, Innsbruck 2010, 276 Seiten, 19,90 Euro.