"And we tell crazy stories about Mary, Jesus and Joe", singen Klaus Trabitsch und Otto Lechner auf ihrer Weihnachtslieder-CD "White". Eine verrückte Weihnachtsgeschichte erzählt auch der englische Autor Philip Pullman in seinem neuesten Roman, "Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus": Jesus und Christus werden als (wohl zweieiige) Zwillinge geboren. Dass Zeugung und Geburt kein ganz jungfräulicher Vorgang waren, deutet der Autor in einem Nebensatz an, aber Maria ist nichts vorzuwerfen, denn sie wird selbst an der Nase herumgeführt.
Die beiden Buben entwickeln sich völlig unterschiedlich. Jesus ist ein normales Kind: fröhlich, lebhaft und manchmal auch schlimm. Christus - der Liebling der Mutter - ist ein kränkelnder, introvertierter Grübler, der alles besonders gut machen möchte.
Auch als Erwachsene bleiben die beiden grundverschieden. Jesus lebt in vollen Zügen und ist bei allen beliebt. Gleichzeitig ist er auf der Suche nach Spiritualität und träumt idealistisch von einer besseren Welt. Christus ist der Stratege und Marketingspezialist, der von einer mächtigen Organisation mit einem Stellvertreter Gottes auf Erden phantasiert, welche die Welt beherrschen wird, um den Menschen Glauben und Freiheit zu bringen.
Angeleitet von einem zwielichtigen Fremden, der sowohl Gott, der Teufel oder auch nur ein geschäftstüchtiger Händler sein könnte, wird Christus der Chronist seines Bruders. Er schreibt kleine Ereignisse auf und deutet sie zum Wohle des größeren Ganzen in Wunder um. Ein schlechtes Gewissen hat er dabei nicht, denn "man muss die Aussagen überarbeiten, ihre Bedeutung klar formulieren und komplexe Zusammenhänge vereinfachen, für die schlichteren Gemüter."
Jesus ist das natürlich gar nicht recht, aber mit einem an Monty-Python erinnernden Humor wird jede seiner Handlungen zu einem neuen Zeichen seines Auserwähltseins uminterpretiert. Langsam und sicher stilisiert Christus seinen Bruder zum Messias - und führt ihn damit direkt in die Katastrophe.
Philip Pullmann ist bekennender Atheist und Humanist, und trotzdem spielt in seinen Büchern Religion eine wichtige Rolle. In seinem bekanntesten Werk, der Trilogie "His Dark Materials", das von einem phantastischen Mehrweltenmodell handelt, erzählt er Teile der Schöpfungsgeschichte neu.
In dem von ihm geschilderten Endkampf zwischen Gut und Böse ist klar, dass die Religionswächter und Dogmatiker nicht zu den Guten gehören. Gott selbst spielt keine große Rolle mehr, er ist nur noch ein seniler Greis in einem Glassarg. Seine Adlaten haben längst alle wichtigen Aufgaben für ihn übernommen.
In "Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus" stellt der britische Schriftsteller den Widerspruch zwischen der Amtskirche mit all ihren Machtansprüchen und Zwängen und der Sehnsucht nach einem befreienden Glauben in aller Divergenz dar. Dabei ist ganz eindeutig, wem seine Sympathie gehört. In einem märchenhaften Plauderton, der den Leser beinahe vergessen lässt, welche Lügengeschichten - oder könnte es vielleicht nicht doch so gewesen sein? - der Autor augenzwinkernd auftischt, treibt er die Handlung voran.
Spannend ist die Geschichte über das Entstehen von Geschichte und Legende allemal. Warum allerdings der Verlag das Buch mit dem drohenden Kommentar "Dies ist keine frohe Botschaft" versieht, bleibt ein Rätsel, denn schließlich hat jeder die Möglichkeit, seine Religion spirituell oder amtlich zu leben, selbst wenn, wie in diesem Roman, die erste Variante die weitaus gefährlichere ist.