
Kollektive Produktion war eine der kulturpolitischen Idealvorstellungen im Sozialismus. Denn wenn mehr als eine Person an einer Sache beteiligt ist, wird das Subjektive überwunden und es kann ein objektiveres Bild der Wirklichkeit entstehen. Zumindest in der Theorie. Um die Scheidung der Wahrheit von Mythos, Legende oder Propaganda geht es auch ganz wesentlich in den drei Geschichten, die Christoph Ransmayr jetzt in Zusammenarbeit mit Martin Pollack vorgelegt hat. Das Bändchen "Der Wolfsjäger" gehört in die Reihe jener kleiner "Spielformen des Erzählens", die der aus Wels stammende Autor seit 1997 in loser Reihenfolge veröffentlicht.
Auf Spurensuche
Nach Textformen wie Tirade, Verhör, Monolog oder Festrede nun also ein "Duett" mit Martin Pollack, der sich nach langjähriger Tätigkeit als Warschau-Korrespondent des "Spiegel" einen Namen gemacht hat durch seine investigativen Bücher über Osteuropa und durch familiäre Verstrickungen in den Nationalsozialismus. Dass es sich allerdings nicht um ein ganz gleichberechtigtes Duo handelt, zeigt der Umstand, dass die Autorennamen entgegen alphabetischer Regeln genannt werden.
Doch darum, zu enträtseln, wer für was verantwortlich ist, geht es bei diesen drei Geschichten vor dem Hintergrund der polnischen Zeitgeschichte ohnehin nicht. Während der letzte Text der Monolog eines von der kommunistischen Partei aus seinem Heimatland vertriebenen Juden darstellt, erzählen die ersten beiden Geschichten von Spurensuchen. In "Der Heilige" geht es um die Legende vom vermeintlichen Kriegshelden Otto Schimanek, der 1944 wegen Fahnenflucht erschossen wurde, und den man nachträglich zum Widerstandskämpfer verklärte.
Beide Texte sind überarbeitete Versionen von Artikeln, die weiland in der (so zumindest behauptet der Klappentext) legendären Zeitschrift "Transatlantik" erschienen waren. Der Titeltext hingegen ist ein Originalbeitrag und nicht weniger als ein Meisterwerk der Gattung literarischer Reportage. Angesiedelt in den polnischen Karpaten, geht es um die Untriebe der Wolfsherden und die Hatz, welche selbsternannte Wolfsjäger auf die (offiziell artengeschützten) Tiere betreiben.
Eine uralte Wahrheit
In Wirklichkeit geht es jedoch um etwas ganz anderes, nämlich um die Verheerungen durch die ethnischen Säuberungen im Zuge der mörderischen Umsiedlungspolitik, welche die kommunistische Partei nach Kriegsende in der Grenzregion zur Ukraine gnadenlos durchgeführt hatte. Die Wolfsjagd erscheint so nur als aktuelle Wiederkehr der uralten Wahrheit, dass im sozialen Umgang der Mensch des Menschen Wolf ist. Die Jagd auf das eigentlich menschenscheue Raubtier erscheint als ein Versuch, das Böse zu verdrängen: Die Felle der erlegten Wölfe, so ihr Jäger, "waren keine Trophäen, das war keine Beute, das waren Zeichen. Zeichen dafür, dass die Welt mit jedem Wolf, den einer tötete, heller wurde." Ransmayr und Pollack erzählen von dem hilflosen Versuch, die Welt durch Gewalt von der Gewalt zu befreien.
Christoph Ransmayr / Martin Pollack: Der Wolfsjäger. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2011, 68 Seiten, 14,- Euro.