
Frank Lehmann, von Beruf Flaschenbiermann, lebt so verschraubt wie er denkt und spricht, wobei er seine Idiosynkrasien derart leidenschaftlich auslebt, wie es sich andere erst gar nicht getrauen.
Sven Regener, im Hauptberuf Kopf und Sänger der Gruppe "Element of Crime", hat die Figur erfunden und in seinem ersten Roman, "Herr Lehmann" (2001), nach Berlin kurz vor dem Mauerfall verfrachtet. Drei Jahre später machte er uns mit Lehmanns Anfängen in Bremen vertraut: In "Neue Vahr Süd" rekapitulierte er Lehmanns Bundeswehrzeit bis zu dessen Aufbruch nach Berlin. Dort eben setzt nun der dritte (Mittel-)Teil seiner Trilogie ein. Doch "Der kleine Bruder" leidet unter seiner Sandwichstellung wie manch ein Geschwisterkind.
Lehmann ist 21 Jahre alt und macht sich im alten Kadett mit Kumpel Wolli auf nach Berlin. Dort treffen sie und wir auf jene Gestalten und Orte, die zumindest wir schon aus Regeners Debüt bestens kennen. Erwin etwa, den Kneipenbesitzer, der immer "Kerle, Kerle" sagt und eine gehörige Macke hat. In "Der kleine Bruder" steht seine Kneipenexpansion noch am Anfang. Seine Freundin ist schwanger, die gemeinsame Zukunft grob geplant. Dass zwischenzeitlich etwas schief gehen musste, weiß, wer "Herr Lehmann" gelesen hat. Dieses Insiderwissen erhöht den Reiz des ungewöhnlichen Unternehmens, eine Trilogie mit dem letzten Teil beginnen zu lassen. Auch Karl kommt schon vor, später wird er der beste Freund von Lehmann werden. Und auch die Kneipe "Einfall" gibt es schon. In "Der Kleine Bruder" beginnt Lehmann dort seine Karriere als erfolgreiche Tresenkraft. Wie immer möchte er auch in diesem Band bald und endlich ein neues Leben anfangen - und wie immer kapiert er einfach nicht, dass das nicht geht, ohne dass er sein altes Leben fortsetzt.
Diesmal befinden wir uns im Jahr 1980, wobei es der Roman immer wieder glänzend schafft, die Welt von damals aufleben zu lassen, und sei es nur, weil er uns daran erinnert, dass es noch Markstücke gab und drei von ihnen für eine Packung Zigaretten aus dem Automaten reichten. Ganz zu schweigen von den Rauchschwaden in den einschlägigen Lokalen. Doch auf den ersten hundert Seiten geht es nur beiläufig um Frank Lehmann. Er tritt in den Hintergrund, benimmt sich wie ein Statist im eigenen Leben, weil Regener sich zu sehr damit aufhält, die Berliner Sippschaft vorzustellen. Wie überhaupt die hergestellten Bezüge und Anschlüsse zum ersten und zum dritten Teil arg buchhalterisch wirken. Auch die Komik kommt im neuen Roman gebremst daher.
Konnte man sich in "Herr Lehmann" noch amüsieren, weil einer wie "Kristall-Rainer" immer am Tresen hockte, treten diesmal Dr. Votz und P. Immel auf. Naja, vielleicht waren die Namenswitze damals einfach noch nicht so weit. Das Berlin jener Jahre wird von Hippies, Punks und Hausbesetzern bevölkert. Doch die hand-lungsarme Geschichte streift sie alle nur am Rande, was auch der Kürze der vergehenden Zeit im Roman geschuldet ist: Gerade einmal zwei Tage und vor allem Nächte verbringen wir diesmal mit Lehmann.
Zweifellos ist "Der kleine Bruder" der schwächste Teil der Trilogie, was auch daran liegt, dass der Roman diesmal nicht so recht in Fahrt gerät. Selbst die Gespräche mit der Mutter, eigentlich ein Selbstläufer, wirken diesmal halbherzig und wenig inspiriert inszeniert. Von der poetischen Verlorenheit, die "Herr Lehmann" umweht und der krachenden Komik, die "Neue Vahr Süd" belebt, bleibt nicht viel übrig. Auf Seite 166 kommt aber immerhin doch noch Schwung in die Geschichte: Endlich ist der Fokus auf Frank Lehmann und dessen schweißtreibende inneren Endlosmonologe gerichtet. Doch auch dieses Faktum vermag das Buch nicht mehr vor dem Allerweltsetikett "Ganz nett" zu retten.
Sven Regener: Der kleine Bruder. Roman. Eichborn Verlag, Berlin 2008, 281 Seiten, 19,95 Euro