
Die These, die Rifkin auf mehr als 400 Seiten ausbreitet, lautet: Der Mensch ist heute mehr denn je ein mitfühlendes Wesen und besser als unsere Eltern- und Großelterngeneration in der Lage, Emotionen zu erkennen, zu benennen und sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Der neue Mensch ist deshalb eher befähigt, die globalen Probleme zu lösen.
Geliebtes Erdenrund
Mehr als die Hälfte seines Buches verwendet Rifkin darauf, die intellektuelle Entwicklung der Menschheit von der Urzeit an darzulegen, wobei er grausame Episoden und Rückschläge der Weltgeschichte eher ausspart. Die Erfindung der Keilschrift, des Ackerbaus und der Dampfmaschine hätten, so Rifkin, die Menschen zu empathiefähigeren Wesen gemacht. Der Uni-Dozent, Politik-Berater und Träger des Bruno-Kreisky-Preises proklamiert als evolutionäre Krönung den Anbeginn der "empathischen Zivilisation" und ist von dieser Kategorie so begeistert, dass er sie von allen Seiten her betrachtet und untersucht.
Rifkin zitiert etwa psychologische Studien, die der Frage nachgehen, wann eigentlich das in Entwicklung befindliche Kind zum ersten Mal Mitgefühl empfindet. Er preist die Anonymen Alkoholiker als vorbildhaft, weil sie gemeinschaftlich ihre Abhängigkeit bekämpfen. Hier wie dort siegt Kooperation über Konkurrenz. Der amerikanische Traum in Form des Einzelkämpfers, der nach größtmöglichem Erfolg für sich selbst sucht, gehört der Vergangenheit an. Menschen teilen ihr Wissen, kooperieren via Internet. Entscheidend ist für Rifkin, dass sich die menschliche Fähigkeit zu Mitgefühl nicht auf die eigene Spezies beschränkt. Vielmehr sind wir jetzt in der Lage, die leidende Tier- und Pflanzenwelt zu verstehen. Wir ächzen im Gleichklang mit dem geschundenen Planeten und werden die Erde deshalb auch nicht im Stich lassen. Im Zuge der "dritten industriellen Revolution" soll sich erneuerbare Energie durchsetzen, werden dezentrale Versorgungskonzepte zum Zug kommen, der Mensch denkt von nun an "biosphärisch".
Mit Recht sieht sich Jeremy Rifkin mit dem Vorwurf konfrontiert, ein banales Konstrukt vorzustellen. Warum, fragt man, ist sich der Autor eigentlich so sicher, dass Liebe und Mitgefühl Bosheit, Krieg und Vernichtung zwangsläufig verdrängen werden? Ist es nicht naiv anzunehmen, die Menschheit entwickle sich in einem naturhaft-evolutionären Prozess zum Besseren? Rifkin bleibt die Erklärungen schuldig. Außerdem wird man den Eindruck nicht los, dass er sein neues Werk im Eilverfahren verfasst und willkürlich zusammengestoppelt hat.
Eine Lektüre des Buches lohnt jedenfalls nicht. Denn mit der Devise "alles wird gut, wenn wir uns nur verstehen" ist es leider nicht getan.