
(hb) Julius Rodenberg hatte sich bereits mit Büchern über die Weltausstellungsstädte Paris und London einen Namen gemacht, als er, ebenfalls zu einer Weltausstellung, 1873 nach Wien kam. Der Donaumetropole war nichts zu teuer, um den Status einer Weltstadt zu erringen, doch diesen Ambitionen kamen nicht erst zwei Weltkriege, sondern bereits kurz nach der Eröffnung der Weltausstellung ein Börsenkrach und eine Choleraepidemie mit 3000 Toten in die Quere.
Rodenbergs 1875 erschienenes Buch "Wiener Sommertage" spart freilich alles Negative aus. Er war ein Großstadtreporter der glänzenden Oberfläche mit dem Blick für das liebenswerte Detail, ein Gegenpol zu den Zornigen, die, wie Emile Zola oder, um einiges später, in Wien ein Max Winter, den Blick auf das Elend der Proletarier und die zerstörenden Auswirkungen der Industrialisierung lenkten. Rodenberg erfreut, nicht ohne Ironie, aber auch nicht ohne einen leichten Hang zum Klischee, den Leser mit freundlichen Beobachtungen, den betulich ausgebreiteten Früchten ausgedehnter Spaziergänge durch das historische Wien und zum Teil köstlichen Vergleichen zwischen Berlin und Wien.
Julius Rodenberg: Wiener Sommertage. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter Payer. Czernin Verlag. 430 Seiten, 21 Euro.