
"Es ist ein Uhr morgens, aber Assange ist hellwach, wie meist um diese Zeit. Er blickt in die Zukunft, und in diesem Moment durchzieht den Raum ein Hauch von Melancholie. Er hat über Kuba nachgedacht, als letztes Refugium, falls der politische Druck auf ihn zu groß wird . . .," beschreiben die "Spiegel"-Leute in ihrem Buch "Staatsfeind Wikileaks" eine ebenso logische wie bizarre Vision - dass nämlich eine Gruppe von Menschen, die angetreten ist, völlige Meinungsfreiheit zu praktizieren, ausgerechnet dort landet, wo diese Meinungfreiheit mit Füßen getreten wird.
Asyl in Kuba? Assange ist mit der Veröffentlichung von rund 250.000 geheimen Depeschen des diplomatischen Apparates der USA zu einem der berühmtesten und umstrittensten Männer des Jahres 2010 geworden. Zuvor hatte seine Organisation die Kriegstagebücher der US-Armee in Afghanistan und ein kompromittierendes Video über einen Helikoptereinsatz gegen Zivilisten in Bagdad publik gemacht. Seither steht Assange in der Beliebtheit bei der US-Regierung irgendwo zwischen Osama Bin Laden und Mahmud Ahmadinedschad. Der Mann gilt als Staatsfeind.
Wie er das wurde und was ihn antreibt, versuchen die Autoren in klassischer "Spiegel"-Manier nachzuzeichnen. Es gelingt ihnen ausgezeichnet: dichte Recherche verbindet sich mit Dramaturgie und Detailtreue, was das Buch außerordentlich lesbar macht.
Instabile Privatbeziehungen
Ausgeleuchtet wird Assanges Kindheit und Jugend im Australien der 1970er und 80er Jahre in einem Milieu von Hippie-Eltern eher unsteten Aufenthalts und instabilen privaten Beziehungen. Assange hat 37 verschiedene Schulen besucht, wird von seiner künstlerisch ambitionierten Mutter durch Australien geschleppt. "Das damals erlernte Prinzip des Zurücklassens von Orten und festen Beziehungen prägt sein Verhalten bis heute." Wohl ebenso wie eine brutale Auseinandersetzung mit dem australischen Staat, der dem jungen Assange das alleinige Sorgerecht für sein Kind nicht gewährt. Dass seine fundamentale Gegnerschaft zum "Staat" damit zusammenhängt, darf vermutet werden.
Er gerät, schon um die 20 herum virtuos im Umgang mit Computern, in die australische Hackerszene. Unter dem Pseudonym "Mendax" klinkt sich Assange in die Rechner von US-Militärs und Forschungsinstituten ein - freilich mehr in aktionistischer Manier und ohne Schaden anzurichten. Legendär wird jedoch ein Angriff auf die Nasa, deren Mitarbeiter vor dem Start eines Spaceshuttles beim Hochfahren ihrer Computer eine mysteriöse Schrift auf ihren Bildschirm vorfinden: "Your Systems have been officially wanked". Es ist der erste politisch motivierte Computerwurm.
Nomadisierender Hacker
Assange verbringt einige Jahre als um die Welt nomadisierender Hacker - leider erfahren wir nicht, wieer in dieser Zeit seinen Lebensunterhaltbestreitet. Aufwendig lebt er jedoch nicht: Er ernährt meist sich von Obst und schläft auf dem Sofa bei Freunden. Zusammen seinem Kumpel, dem marxistischen Mathematiker Daniel Matthews, beginnt er 2006 "Wikileaks" zu konkretisieren. Die ersten Dokumente stammen von staatsnahen chinesischen Hackern, die westliche Computer ausspionieren und in deren Rechner sich Wikileaks-Zuträger einklinken. Die mittlerweile weltberühmten Kriegs - und Außenpolitikdokumente folgen.
Seither tobt eine Grundsatzdebatte um die Legitmität derartiger Veröffentlichungen. "Schon das Wissen darüber, dass potentiell nichts im Verborgenen bleibt, (.. .) soll zu einer besseren Welt führen", beschreiben die Autoren Assanges Vision und Mission. Die Idee hat allerdings einen Haken: Weil Wikileaks alles veröffentlicht, was authentisch erscheint, werden Menschen um ihr Recht auf Privatsphäre gebracht. So veröffentlichte Wikileaks die internen Rituale der Mormonen oder der US-Freimaurerei, obwohl Assange "keiner dieser Organisationen Fehlverhalten vorgeworfen hat. Man habe veröffentlicht, weil man es eben konnte." Manche nennen ihn einen "Informationsvandalen", und man kann schon ganz gut verstehen warum.
Marcel Rosenbauch / Holger Stark: Staatsfeind Wikileaks. Spiegel Buchverlag Hamburg, 336 Seiten, 15,50 Euro.