
Der Titel ist Programm: "Der verletzte Mensch" heißt das Werk - und mit den Verletzungen, mit denen jeder Mensch im Laufe seines Lebens zwangsläufig konfrontiert wird, setzt sich der Mitgründer der Sir-Karl-Popper-Schule in Wien und Autor des aufsehenerregenden Buches "Der talentierte Schüler und seine Feinde" auseinander. Im Zentrum von Salchers Arbeit steht die Frage, warum manche Menschen an ihren Verletzungen wachsen, andere aber daran zu Grunde gehen oder gar einen blinden Hass gegen sich selbst und die Welt entwickeln. Wie eben bei Mandela und Hitler: Ersterer wurde 27 Jahre lang von seinen Gegnern inhaftiert, entschied sich aber für die Aussöhnung. Letzterer wurde vom Vater gequält, von der Kunstakademie abgelehnt und entschied sich letztendlich dazu, sein Talent zum Verführen von Massen in einen Massenmord münden zu lassen. Auch Mandela hätte sich rächen können. Auch Hitler hätte sich mit der Welt aussöhnen können, so Salchers These.
NLP, Resilienz und die "Schule des Herzens"
Neben Mandela und Hitler führt Salcher noch zahlreiche andere Fälle an, in denen sich berühmte oder "ganz normale" Menschen Kratzer oder Krater auf der Seele zunutze gemacht haben, um ihr Leben in die ein oder andere Richtung zu lenken. Dabei unternimmt der Autor einen Streifzug durch die Welt der diesbezüglichen Forschung - von NLP (Neurolinguistisches Programmieren) über Resilienzforschung (Resilienz: Die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne große Schäden zu meistern) bis hin zur "Schule des Herzens", die Salcher als die "Kunst, sich selbst und andere nicht zu verletzen" beschreibt.
Gerade mit Blick auf Letzteres könnte man dieses Buch als Ratgeber zur Hand nehmen. Doch vielmehr geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Theorien der Selbstreflexion. Salcher deutet nicht mit dem Finger auf den Leser und erklärt ihm den einzig wahren Weg zur Selbsterfahrung, sondern er zeigt verschiedene Wege auf, erläutert deren Vor- und Nachteile und überlässt das Urteil weitestgehend dem Leser. Salcher macht also das, was ein guter Psychotherapeut auch tun würde.
Ressourcen liegen in der eigenen Geschichte
Und das ist, wenn man so will, wiederum das Manko des Werks: Denn wer sich mit dem Thema bereits auseinandergesetzt hat, der wird bei der Lektüre keine großen Überraschungen erleben. Für tiefergehende Analysen bieten die sehr kurz gehaltenen Kapitel keinen Platz.
Dies kompensiert Salcher allerdings mit Verweisen und Fußnoten, sodass eine eigenständige Weiterbeschäftigung mit den einzelnen Ansätzen sehr wohl möglich ist. Außerdem regt Salcher den Leser allein schon durch Sätze wie "der Glaube an den freien Willen ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung" oder das Zitat des dreimal an Kinderlähmung erkrankten Wegbereiters der positiven Psychologie, Milton Erickson, "die Ressourcen, die du brauchst, findest du in deiner eigenen Geschichte", zur Selbstreflexion an.
Salchers Fazit: Nicht jeder hat einen guten Start ins Leben und es gibt wohl kaum einen Menschen auf der Welt, der noch nie in seinem Leben verletzt worden ist. Doch das Prinzip "heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens" gilt für jeden, und jeder kann einen Neustart wagen. Vorausgesetzt, und das ist wohl das Schwierigste an der Geschichte, er bringt die Kraft dazu auf. So esoterisch dieser Gedanke anmuten mag, so beruhigend ist er auch, oder?
Salcher, Andreas: Der verletzte Mensch. Ecowin Verlag 279 Seiten, 19,95 Euro