
Über 15.000 Aktivisten der österreichischen SA flüchteten im Zuge des Verbots und des gescheiterten NS-Putsches im Juli 1934 nach Deutschland. Dort wurden sie in sogenannten "Hilfswerklagern" untergebracht und militärisch gedrillt. "Aber auch in Deutschland stellten die österreichischen Legionäre einen permanenten Unruhefaktor dar", berichtet der Historiker Hans Schafranek. "Anfänglich in Bayern nahe der österreichischen Grenze stationiert, trugen sie durch Terroraktionen und enge Verbindungen mit der in Österreich illegalen NSDAP wesentlich zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen dem Ständestaat und dem Deutschen Reich bei." Mit seinem dieser Tage erscheinenden Buch "Söldner für den Anschluss. Die österreichische Legion 1933 bis 1938" hat Schafranek eine erstaunliche Lücke in der zeitgeschichtlichen Forschung geschlossen. Basierend auf Tausenden unbekannten Dokumenten aus zwölf deutschen und österreichischen Archiven zeichnet er ein äußerst differenziertes Bild dieser Österreicher in Hitlers Diensten.
Ins Auge sticht etwa das breite soziale Spektrum, aus dem sich die paramilitärische Truppe rekrutierte: "Es reichte von hauptsächlich wirtschaftlich motivierten Flüchtlingen über Kleinkriminelle bis hin zu politisch schwer belasteten Sprengstoffattentätern und Mördern", so der Autor. Im Rahmen seiner überaus spannenden, vom Zukunftsfonds der Republik Österreich geförderten Studie hat Schafranek fast 150.000 biografische Daten zu 15.000 Legionsangehörigen erfasst. 140 Kurzbiografien zum Führungskorps der Legion machen das Buch überdies zu einem wichtigen Nachschlagewerk zur Geschichte der österreichischen SA.
Starker Zulauf aus Kärnten und der Steiermark
Neben der Alters- und Sozialstruktur hat Hans Schafranek auch über die regionale Herkunft der Söldner Bemerkenswertes herausgefunden: So gab es vor allem in Kärnten und der Steiermark Bezirke mit einem extrem überproportionalen Anteil an Legionären. Allein aus Wolfsberg etwa kamen 446 - das war ein Legionär je 100 Einwohner. Auch Männer aus den Bezirken Leibnitz oder Spittal an der Drau waren stark in der Legion vertreten. Aus diesen exakt erfassten Zahlen zu allen 112 politischen Bezirken Österreichs (1934) lassen sich erstmals auch präzise Rückschlüsse auf die Stärke der illegalen NS-Bewegung in den österreichischen Regionen ziehen. "Bislang", so Hans Schafranek, "hat man in der historischen Forschung vor allem Quellen des österreichischen Behördenapparats herangezogen. Diese Daten enthielten viele Fehler, basierten teils auf völlig unrealistischen Schätzungen, und vor allem konnte man nicht erfahren, wann die Leute der SA, der SS oder der NSDAP beigetreten sind."