
Ihre weitläufigen Erörterungen, die sie durch einen spannenden Interviewteil ergänzten, fokussieren den Aspekt der Moderne in Mahlers Musik. Dabei arbeiten sie Querbezüge zur "Zweiten Wiener Schule" heraus und legen überzeugend dar, dass die Mahler-Rezeption bis heute von antisemitischen und antimodernen Ressentiments durchzogen ist - insbesondere in Wien, wo Mahler von 1897 bis 1907 als Hofoperndirektor wirkte.
Scheit und Svoboda illustrieren das bedrückende Wiener Klima des 20. Jahrhunderts mitunter mit drastischen Beispielen: So lehnte der musikwissenschaftliche Ordinarius Erich Schenk, über 1945 hinaus ein überzeugter Antisemit, lange nach dem Ende der NS-Herrschaft eine Doktorarbeit über den Mahler-Zeitgenossen Franz Schreker ab, weil man bei ihm "über einen Juden" nicht dissertieren könne.
Musikalische Anatomie
Solche antisemitischen Ressentiments, denen auch Mahlers Werk lange Zeit ausgesetzt war, wurden inzwischen von antimodernen abgelöst. "Die Forscher setzen stattdessen auf die Quellen, die Dirigenten aufs Gefühl, die Journalisten auf die Phrase", so Scheit und Svoboda im Urteil über die gegenwärtigen Tendenzen der Mahler-Rezeption. Sie hingegen verorten das Moderne bei Mahler in seinem "Drang zur Desintegration": Einzelne musikalische Einfälle und Gesten werden in Mahlers Musik nicht einfach in die Gesamtidee des Werks integriert, sondern behalten zumindest ein Stück weit ihre Autonomie bei, wodurch sich Mahler deutlich von der (deutschen) Musiktradition abgrenzen lässt.
Die Moderne ist für Scheit und Svoboda aber freilich kein erratischer Block, sondern ein von (bisweilen unauflösbaren) Widersprüchen gezeichnetes Feld - gerade an Mahler manifestiere sich dies besonders klar: "An der Musik Mahlers wurde deutlich, dass die Moderne selber verschiedene, ineinander nicht auflösbare Formen beinhaltet, die dennoch aufeinander verweisen und darum eine Bestimmung dessen, was Moderne überhaupt ist und sein kann, in einem anderen Sinn notwendig machen, als es der bloße Stil- und Epochenbegriff zu leisten vermag."
Keine Verherrlichung
Ausgehend von dieser Erkenntnis unternehmen Scheit und Svoboda auf hohem theoretischen Niveau, doch in verständlicher Sprache ihre Tour d´horizon zu Gustav Mahler und der Moderne, abseits von "Fin de siècle"-Romantisierung und plakativer Jugendstilverherrlichung. Dass sie Musik dabei als gesellschaftliche Praxis begreifen und die Mahler-Rezeption ins Politische wenden, verleiht dem Buch reichlich Zündstoff - solcher jedoch ist im Mahler-Jahr (der Geburtstag des Komponisten jährt sich heuer zum 150. Mal) umso notwendiger, als Mahler zur unangefochtenen Ikone des Jugendstils emporgejubelt zu werden droht, die er nie war - und vor allem nie sein durfte.
Gerhard Scheit, Wilhelm Svoboda: Treffpunkt der Moderne. Gustav Mahler, Theodor W. Adorno, Wiener Traditionen. Sonderzahl 2010, Euro 19,90.