
Es ist freilich kein greiser, von der Gebrauchsanleitung seines neuen Handys überforderter Mann, der so etwas niederschreibt, sondern der Co-Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", gerade mal fünfzig geworden und mit dem Ruf ausgestattet, einer der maßgeblichen Intellektuellen der Berliner Republik zu sein. Schirrmacher ist Mitglied des Clare-College der Universität Cambridge, des Goethe-Institutes, des Stiftungsrates der Quandt-Stiftung, Autor der Bestseller "Das Methusalem-Komplott" und "Minimum", Träger des reputierlichen Jacob-Grimm-Preises - und so einer, ausgerechnet, bekennt, nicht mehr so richtig mitzukommen?
Jener Informations-Tsunami, der dank dem Internet, der mobilen Kommunikation und den damit verbundenen Technologien seit einigen Jahren über uns hereinbricht, droht uns "die Kontrolle über unser eigenes Denken zu nehmen", so Schirrmachers zentrale These, und verwandle uns in eine Art ferngesteuerter Online-Junkies. "Ich dirigiere meinen Datenverkehr, meine SMS, E-Mails, Feeds, Tweets, Nachrichtensites, Handyanrufe und Nachrichtenaggregatoren wie ein Fluglotse den Flugverkehr: immer bemüht, einen Zusammenstoß zu vermeiden und immer in Sorge, das Entscheidende übersehen zu haben (...)" beschreibt der Autor seinen nervlich prekären Alltag in der Welt der zeitgenössischen Kommunikation und deren Folgen für sein Wohlbefinden. "Ich bin unkonzentriert, vergesslich, und mein Hirn gibt jeder Ablenkung nach. Ich lebe ständig mit dem Gefühl, eine Information zu versäumen oder zu vergessen (...) Ich weiß noch nicht einmal, ob das, was ich weiß, wichtig ist, oder das, was ich vergessen habe, unwichtig ist. Kurzum: Ich werde aufgefressen".
Das Gefühl kennt man natürlich gut, verdammt gut sogar. Dass nicht irgendein Verlierertyp, sondern ausgerechnet einer wie Schirrmacher derartiges einbekennt, erzeugt sofort eine starke Komplizenschaft zwischen dem Leser und dem Buch. So nach der Logik: Wenn sogar einer der führenden Intellektuellen Deutschlands zugibt, unter der Informationslawine des digitalen Zeitalters zu leiden wie ein Hund, dann darf ja wohl auch unsereins endlich offen eingestehen, gelegentlich angesichts eines Hochgebirges ungeöffneter Mails schierer Verzweiflung anheim zu fallen.
Als kluger Kulturpessimist bestreitet Schirrmacher den Nutzen der modernen Kommunikationswerkzeuge von Facebook bis Twitter, von Google bis Wiki nicht im geringsten; der Mann ist kein Amish des Internetzeitalters. Kann man als Herausgeber einer der bedeutendsten Zeitungen Europas ja auch nicht gut sein. Doch der Preis, den wir für diese Segnungen zu bezahlen haben, argumentiert der Autor, ist eine völlige Veränderung unseres Gedächtnisses, unserer Aufmerksamkeit und unserer geistigen Fähigkeiten. Letztlich, behauptet er, verändert sich sogar unser Gehirn physisch, "(...)vergleichbar den Muskel - und Körperveränderungen der Menschen im Zeitalter der industriellen Revolution".