
Nun ist es nie leicht, nach einem Roman, der bei der Kritik so erfolgreich war wie bei den Lesern, mit Erzählungen zu punkten. Für "Du stirbst nicht", ihren Roman um die Rückkehr ins Leben nach einer Hirnblutung, erhielt Kathrin Schmidt 2009 den Deutschen Buchpreis. Vor kurzem ist "Finito. Schwamm drüber", ihr erster Erzählband, erschienen. Er handelt von Menschen auf der Suche nach etwas Nähe und Liebe, Menschen, die nicht in der ersten Reihe standen, als das Glück verteilt wurde.
Da ist zum Beispiel der Erzähler aus "Warum weinen Sie mittwochs?" Er hat sich in die stämmigen Beine von Sophie verliebt und versucht nun herauszufinden, warum sie Mittwoch abends immer weint. Und da ist Lucie, die ihrem einschüchternden Nachbarn Leber vom Markt mitbringt. "Bissel Ljebe wär nett, göll", hatte der nämlich donnernd gefordert. Doch der russisch-stämmige Herr sprach nicht von "Leber", sondern von "Liebe". Sie - und ein wenig Poesie - rauben dem Alltag sein Grau, wenn auch nur für Momente. Oder zumindest so lange als es dauert, einen aus rotem Faden selbst gestrickten Leibanzug aufzutrennen, um Masche für Masche die Lust auf den Männerkörper darin zu steigern.
Kathrin Schmidt erzählt einmal skizzenhaft, in knapper, nüchterner Sprache. In "Spiel, Satz, Schlappensieg" etwa prescht sie auf wenigen Seiten gnadenlos durch eine nicht eben gnadenvolle Familiengeschichte. Ein andermal webt sie aus wenig Handlung atmosphärisch dichte, lyrische Bilder und beweist, welche Meisterin der Sprache sie ist. Sie tut das vor allem in Geschichten, in denen es um Erinnerungen geht - an den alten Osten, vor der Wende oder gar vor dem Krieg -, oder um das Alter und um Verluste, nicht zuletzt jenen des klaren Denkens. So sucht der Brendel, "der alte Wumsbart", nach dem Weg nach Molauken und die Großmutter, die irgendwie übers Haff kam, sucht nach sieben Bürgen für ihr "Schönes Stück Land, unter Wasser". Vergebens.
Vergebens auch die gewaltsame Gewöhnung an "Königsberger Klops". Jede nachfolgende Generation wird wieder - würgend und kotzend - lernen müssen, das sahnig-saure DDR-Nationalgericht zu schlucken. Es sind die schönsten Erzählungen des Bandes, die vor dem Hintergrund des untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaates spielen.
Die 1958 im thüringischen Gotha geborene Kathrin Schmidt weiß, wovon sie schreibt - mit Humor und ein bisschen Wehmut, ohne Anklage und doch scharf in der Analyse. In "Der Kirschgott" lässt die Autorin Kindersommer im Obstgarten des Lehrers wieder auferstehen. Die Luft flirrte vor Hitze und von all dem, was "die staatstreuen, fröhlichen Eltern" nicht aussprachen. Bautzen etwa oder Barz, der Name des Lehrers, der sich in seinem Kirschbaum erhängte, als die Panzer des Warschauer Paktes im August 1968 in Prag einmarschierten. Ein Schweigen übrigens, an das sich nach dem Ende der DDR niemand mehr gut erinnerte. Nur so, schreibt die Erzählerin, konnte "die Quersumme des Geschehens dort (ankommen), wo ich sie heute noch vermute."
Ihre jahrelange Tätigkeit als Psychologin und Sozialwissenschaftlerin mag Kathrin Schmidt den Blick für ihre Mitmenschen, deren Wohl und Wehe geschärft haben. Dass es ihr gelingt, den Figuren und Geschichten mit wenigen Sätzen Leben einzuhauchen, weist sie auch als Virtuosin der kurzen literarischen Form aus.
An der dramaturgischen und sprachlichen Finesse des Romans "Du stirbst nicht" darf "Finito. Schwamm drüber" nicht gemessen werden, sind die 31 Geschichten des Bandes doch zu vielfältig in ihren Themen und Tonlagen. Eine Konstante zieht sich allerdings durch das Buch: die ausnahmslose Wärme für die Menschen, von denen Kathrin Schmidt erzählt. Es sind dies verliebte Senioren, einsame junge Leute, Arbeitslose, heimatlose Migranten oder Ehefrauen, die "Hinter A." den Hut vor der schönen Landschaft ziehen und sich nicht erinnern, wie das Fischmesser ins Auge des Ehemanns gekommen ist. Nicht für alle, aber für solche Erzählungen ziehen wir den Hut vor Kathrin Schmidt.
Kathrin Schmidt: Finito. Schwamm drüber. Erzählungen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 240 Seiten, 18,50 Euro.