Frauen haben es auch nicht immer leicht. Insbesondere dann nicht, wenn sie mit Schriftstellern verheiratet sind. Kein einfaches Ehelos hatte auch Catherine Fried, die dritte Frau von Erich Fried. In ihren Memoiren berichtet sie, wie sie den jüdischen Exilanten über Georg Eisler kennen lernte. Fried war gerade von seiner zweiten Frau verlassen worden. 1965 heiratete die baumlange Britin aus puritanischem Hause den dicklichen, kleinwüchsigen Dichter aus Wien. Die beiden ergaben ein merkwürdiges Paar im London der Swinging Sixties. Fried ließ sich eigens einen Schemel bauen, auf den er steigen konnte, um seine Frau zu küssen.
Die kümmerte sich um die gemeinsamen vier Kinder und ertrug tapfer das häusliche Chaos, das all die Freunde, Genossen und Schmarotzer verursachten, die sich in ihrem Domizil in der Dartmouth Road in London-Willesdon oft für Monate niederließen. Tolerant war sie auch, was die Verehrerinnen und Liebschaften ihres Gatten betraf. Dass etwa die berühmte Gedichtsammlung "Es ist was es ist" das poetische Dokument der unglücklichen Affäre mit einer anderen Frau war, berichtet sie ohne großen Groll, aber doch auch mit einem nur notdürftig durch britisches Understatement überdeckten Schmerz. Catherine sprach fließend Französisch und war eine talentierte Malerin; von der literarischen Welt ihres Mannes aber trennte sie die deutsche Sprachmauer bis zum Ende der Ehe (1988, Krebstod Frieds). Nun leidet auch die Witwe an Krebs, was wohl die Veranlassung war, jetzt auf ihre 23 bewegten Jahre mit dem Lyriker und Politaktivisten zurückzublicken. Eine anrührende Lektüre.
Die Ehe zwischen Arno und Alice Schmidt währte fast doppelt so lange, nämlich von 1937 bis 1979. Es war ein oftmals schweres Leben für die Frau des auf der Lüneburger Heide in einsiedlerischer Zurückgezogenheit lebenden Schriftstellers. Dennoch stand Alice Schmidt ihrem Mann über all die Jahre treu zur Seite. Sie führte die Korrespondenz mit Verlagen, fertigte Reinschriften der Romanmanuskripte, redigierte Schmidts Übersetzungen. Das Führen eines Tagebuchs verstand sie als Dokumentation der Umstände jenes freiwilligen Frondienstes, den ihr Mann an der Literatur leistete.
Sukzessive werden ihre Journale nun zugänglich gemacht, zuletzt jenes von 1955. Das Jahr bedeutete für Arno Schmidt sowohl Krise als auch Umbruch: Eine absurde Strafanzeige wegen Pornografie und Gotteslästerung bedroht seine Existenz, man erwägt sogar Auswanderung in die "Ostzone". Stattdessen zieht das Ehepaar aus einem katholischen Dorf in liberalere Gefilde, wo Arbeiten für den Süddeutschen Hörfunk vorübergehend Rettung bringen.
Der illustrierte, wunderschön gestaltete Band ist Teil der offiziellen Arno Schmidt-Edition. Ein wenig enervierend wirkt zwar die Katzenobsession der Witwe - wohl eine Kompensation für das Leben mit einem Egomanen. Der unverstellte Detaileinblick in den Ehealltag indes ist unverzichtbar für alle Schmidt-Fans - und dokumentiert auch ein Stück Sozialgeschichte der Nachkriegszeit.
Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1955. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008, 376 Seiten, 39,10 Euro.