
(leg) Dass man auch als akribisch arbeitender Mittelalter-Historiker ohne Absicht zur Provokation "in die Gazetten" kommen kann, durfte Oliver Jens Schmitt vor kurzem erfahren: Seine Biographie über den mittelalterlichen Fürsten und albanischen Nationalhelden Skanderbeg löste in der albanischen Gesellschaft beträchtlichen Wirbel aus. Grund für die Aufregung war der simple Hinweis Schmitts, in den Quellen tauche der Fürst unter einem slawischen Namen auf - damals nichts Besonderes, gab es doch den ethnopolitischen Gegensatz zwischen Serben und Albanern, der auch die zahlreichen politikwissenschaftlichen Arbeiten zum Kosovo-Konflikt beherrscht, noch nicht. Auch für seine "kurze Geschichte einer zentralbalkanischen Landschaft", so der Untertitel von Schmitts Kosovo-Buch, wird dem Mediävisten wohl kaum Applaus von Nationalhistorikern beider Seiten zuteil werden. Von den gängigen serbischen und albanischen Geschichtsmythen um das Kosovo, die den Einstieg in das Buch bilden, bleibt nicht mehr viel übrig. Dabei betätigt sich Schmitt nicht (nur) als staubtrockener Mythenzertrümmerer: Seine Darstellung insbesondere der vormodernen balkanischen Welt besticht durch die seltene Verbindung von nüchterner Sachlichkeit und spannender Erzählung. Die Spannung wird dabei nicht vom Autor künstlich erzeugt, sie fließt gleichsam aus dem spannungsreichen Gegenstand der Darstellung. Zahlreiche Fotographien aus dem Kosovo vor ca. 100 Jahren ergänzen den Text sehr gut und lassen die alte balkanische Welt wieder lebendig werden.
Oliver Jens Schmitt: Kosovo. Böhlau Verlag 393 Seiten, 24,90 Euro.