Die Tochter schweigt, der Vater erzählt. Und zwar sein Leben. Todkrank ist der Vater, er wird die Tochter, die er kaum kennt, nicht mehr sehen. Lebensbeichtezeit. Im Hintergrund lauert ein Fall, der vielleicht ein Kriminalfall ist: Die Mutter des schweigenden Kindes ist tot. Offenbar hat der Vater den Todesfall verschuldet. Unfall? Oder doch Mord? Das Nachwort klärt auf.
Und das ist auch eines der Hauptprobleme des Romans: Raoul Schrott leidet an literarischem Horror vacui. Es darf nichts offen bleiben, alles muss gesagt werden. Der Leser wird an der Hand genommen und durch die fiktive Biografie geführt. Natürlich ist es eine Biografie, denn wenn die Fabel fehlt, greift der Autor eben zur Lebensbeschreibung. Da kann nun alles passieren. Im Grunde ist es egal, ob der Vater nun Maler war und einen Katalog von Sternenbildern erstellte - er hätte ebensogut Schlosser sein und an einem Perpetuum mobile arbeiten oder Lehrer und an einer Geschichte der Westgoten schreiben können.
17 Jahre ist es her, da erwies sich Raoul Schrotts "Finis Terrae" als Glücksfall der postmodernen Prosa: ein Reisebericht quasi als Kommentar zur Geschichte des Reiseberichts, Fragmentiertes, das der Leser sich selbst mehr vermutend als wissend weitererzählen mochte, und das doch von eigentümlicher Geschlossenheit war. Der längst als wichtig eingestufte Lyriker Schrott war drauf und dran, auch als Prosaautor Geltung zu erlangen.
Doch schon der bildungsüberfrachtete Roman "Tristan da Cunha" ließ befürchten, dass Schrott zu einem ganz traditionellen Erzähler mutieren würde, und genau hier ist er im "schweigenden Kind" angekommen.
Das soll jedoch nicht den Blick darauf verstellen, dass Schrott stilistisch die meisten deutschsprachigen Autoren überragt. Ein kleiner Satz wie: "Eine Katze lag an der Mauer, ihr feines Fell wie magnetisiert, die Spitzen rötlich leuchtend" zeugt nicht nur von guter Beobachtungsgabe, er schafft auch Atmosphäre - und er klingt. Oder ein Satz wie "Die Erziehung meines Vaters nötigt mich bis heute, in seinen Begriffen zu denken" - das ist ein Musterbeispiel an Verdichtung, denn der Leser ahnt um die Erziehungsmethoden des Vaters und um die teilweise geistige Verkrüppelung des Erzählers.
"Das schweigende Kind" ist voll solcher Bilder und Sätze, in denen sich der Ver-Dichter Schrott mit all seinem Geschick offenbart. Oder anders gesagt: "Das schweigende Kind" ist bedeutende Prosa. Ein origineller Zugang zum Thema erzählende Literatur ist es nicht.