
(was.-) Pünktlich zum Mauerfall-Gedenktag hat Paul Schulmeister als naher Beobachter des deutschen Wendejahres 1989 herausgearbeitet, was wir 20 Jahre danach besser wissen. Aus den Interviews mit handelnden Personen von damals geht eindeutig hervor, dass sie alle überfordert waren. Das allerdings nur im technischen Sinn, denn dank der Grundsatztreue des Bundeskanzlers Helmut Kohl wich kein Verantwortungsträger vom großen Ziel ab: Freiheit für alle Deutschen und - wenn dieses Wunder möglich wäre - auch die Einheit.
In Schulmeisters Analysen steckt viel Philosophie: Wie handeln Führungspersonen in der Schicksalsstunde, für die es kein Handbuch gibt? Wolfgang Schäuble, heute CDU-Finanzminister, damals als Innenminister, nennt die Priorität: Wie groß die Probleme waren, sei gar nicht so wichtig gewesen. Es sei darum gegangen, "dass der Prozess gelingt".
In dem sehr gescheiten Buch freundet sich Schulmeister, der als ORF-Korrespondent mitunter streng urteilte, mit Erscheinungen an, die ihm heute mehr Sinn geben als damals. So billigt er den irrlichternden Friedensbewegungen "bleibenden Wert" zu. Auch die SPD-Politik des "Wandels durch Annäherung" gegenüber der DDR sei eine "richtige" Formel gewesen.
Paul Schulmeister: Wendezeiten. Eine Revolution im Rückblick. Residenz Verlag, 270 Seiten, 19,90 Euro.