Den ganzen Heiner Müller gilt es erst noch zu entdecken. Kristin Schulz, Leiterin des "Heiner Müller Transitraums" an derBerliner Humboldt Universität, hat mit ihrer Studie seiner "Schriften" einen bedeutenden Beitrag dazu geleistet. Müller hat nämlich mehr geschrieben als nur die bedeutendsten deutschsprachigen Theatertexte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Knapp 50 Jahre lang verfasste er polemische Rezensionen und an Literatur grenzende Reden, stellte essayistische Prosacollagen zusammen, erprobte neuartige Formen des "Offenen Briefs". In diesen Textformen bewegte er sich kaum weniger innovativ als in seinen Theaterstücken. Über 600 Seiten umfassen seine essayistischen Schriften in der nun abgeschlossenen Werkausgabe. Schulz vermag die Bedeutung dieser Texte ohne germanistisches Brimborium aufzuschlüsseln, sowie ihren inneren Zusammenhang und die komplexen Verbindungen zum Werk zu erklären.
Kristin Schulz: Attentate auf die Geometrie. Heiner Müllers Schriften der "Ausschweifung und Disziplinierung". Alexander Verlag, Berlin 2009. 405 Seiten, 29,90 Euro.