Selten waren sich die Juroren in Klagenfurt so einig gewesen wie 2007: Lutz Seilers Erzählung "Turksib" war so viel besser als alles, was bei dieser Veranstaltung vorgetragen wurde, dass alles andere als der Bachmann-Preis ein Affront gegen die Literatur gewesen wäre. Diese zwischen Realismus und Mythos, zwischen Sehnsucht und Beklemmung irrlichternde Erzählung von einer Zugfahrt durch die Weiten Kasachstans ist in der Tat ein sprachliches Glanzstück, wie Seilers erster Prosaband bestätigt.
Er enthält neben "Turksib" zwölf weitere Erzählungen ganz unterschiedlicher Tonlagen. Einige sind eindeutig autobiografischer Natur, andere spielen mit Elementen der amerikanischen Short Story, wieder andere thematisieren auf sehr subtile Weise die letzten Jahre der DDR und die Zeit der Wende. Wie der Uhrmacher in "Zeitwaage" erweist sich der Lyriker Seiler auch als Prosaist als begnadeter Feinmechaniker der Sprache.
Lutz Seiler: Die Zeitwaage. Erzählungen. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2009, 288 S., 20,40 Euro.