Dass wir erst gestern geboren wurden und schon morgen sterben müssen, lässt sich zwar beklagen, aber nicht ändern. Zum Glück ahnen die meisten in jungen Jahren nichts von dieser Zwangsläufigkeit und suhlen sich in herbeifantasierter Unendlichkeit.
In der Mitte des Lebens überrascht sie der Rest desselben dann wie ein Schock. Kein Wunder also, dass der neue Roman der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev, der die Mitte und das Ende des Daseins in den Brennpunkt rückt, den Titel "Für den Rest des Lebens" trägt. Seit ihrem Romandebüt "Liebesleben", das in über zwanzig Sprachen übersetzt wurde, und Romanen wie "Mann und Frau" oder "Späte Familie" ist die Autorin berühmt für ihre schonungslosen Gefühlsdramen, die innerhalb familiärer Strukturen wuchern wie Krebsgeschwüre.
Im Mittelpunkt stehen diesmal die Geschwister Avner und Dina, beide Mitte/Ende vierzig, deren Mutter Chemda im Sterben liegt. Aus ihren drei Perspektiven wird der Roman erzählt. Dina kämpft mit den Wechseljahren, während ihre Tochter die Pubertät wie ein Fest zelebriert. Eine ungute Kombination, weswegen Dina von dem Wunsch getrieben wird, ein Kind zu adoptieren, um der Natur ein Schnippchen zu schlagen. Denn eigentlich war auch ihre Tochter einst Teil eines Zwillings, der Bruder aber schaffte es nicht ins Leben.
Dinas Wunsch nach einem neuen Kind bringt alles ins Wanken; sie selbst, ihre Tochter, ihre Ehe. Genau so und doch anders ergeht es ihrem Bruder, der aus seinem Leben ausbricht wie aus einem Gefängnis. Er verlässt seine Ehefrau und seine zwei Kinder, um auszuprobieren, wie Freiheit schmeckt. Zwei typische Mitte-des-Lebens-Krisen, könnte man meinen; Shalev erzählt davon in atemlos fiebrigen Inneren Monologen, die den Schmerz buchstabieren. Die Perspektiven wechseln, und zu Anfang ist man sich nicht ganz sicher, wer jetzt spricht, doch der eigentümlich unverwechselbare Sog der Sprache zieht einen immer weiter hinein in die Innerlichkeitsstrudel des Romans.
Wie in anderen Werken, entwirft Shalev auch in dieser Geschichte Szenen von geradezu alttestamentarischer Wucht, die sie mit krachendem Pathos auflädt. Eines ihrer Kernthemen ist die Obsession, die sie nun abermals in unterschiedlichen Facetten zur Geltung bringt, immer begleitet von einem elegischen Grundrauschen.
Allerdings feiert Shalev den Zufall diesmal in äußerst unbändiger Weise; ihre politischen Anmerkungen wiederum geraten arg thesenhaft. Beides hätte ihr Roman nicht nötig. Er könnte sich unbesehen auf die manischen Gedanken- und Gefühlsströme seiner Protagonisten verlassen, die ihr vergangenes Leben beweinen und nicht wissen, wohin sie der Rest ihres Lebens noch führen wird.
In oftmals punkt- und pausenlosen Sätzen richtet die Autorin ihren erbarmungslosen Blick auf verschlissene Paarbeziehungen. Eines ihrer Grundthemen kehrt dabei beharrlich wieder: der richtige Zeitpunkt - und was geschehen kann, wenn man ihn verstreichen lässt.
Das Vergangene schwappt immerzu ins Heute, und die Reue erweist sich als vitalste Triebfeder eines strapaziösen Daseins. "Wie wenig wissen wir doch, was uns bevorsteht", sinniert Dina an einer Stelle beiläufig. Womöglich verbirgt sich ja gerade in diesem einen Satz die Essenz des Romans, wenn nicht des ganzen Lebens.