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Update: 12.06.2009, 14:28 Uhr
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Verschüttete Vernunft

Spiel, Hilde: Rückkehr nach Wien


Von David Axmann
  • Zur Neuauflage von Hilde Spiels "Rückkehr nach Wien".

Am 31. Jänner 1946 kehrt die 35-jährige Hilde Spiel, die Österreich 1936 verlassen hat und nach England emigriert ist, als Korrespondentin des "New Statesman" in ihre Heimatstadt zurück. Fünf Wochen wird sie hier bleiben, das Leben in der zerbombten Stadt beobachten, die Plätze ihrer Kindheit und Jugend aufsuchen, wird mit alten Freunden und neuen Bekannten Gespräche - und über das Erlebte Tagebuch führen.

Daraus erwächst ein Bericht mit dem Titel "The Streets of Vineta", der nie veröffentlicht, doch von der Verfasserin selbst später ins Deutsche übersetzt wurde, 1968 als "Rückkehr nach Wien" erschienen ist, und nun in einer Neuauflage vorliegt, ergänzt durch ein Vorwort von Daniela Strigl.

Hilde Spiel erlebt Wien einerseits als eine Stadt, die "noch immer im Chaos" liegt, andererseits als einen Ort, wo "die Kraft des Neubeginns" zu spüren ist, vor allem auf kulturellem Gebiet, wie ihr in Begegnungen mit dem Kulturstadtrat Viktor Matejka und dem Schriftsteller Hans Weigel klar wird.

Klar wird Hilde Spiel aber auch rasch, dass jetzt alle Grenzlinien verwischt sind: Nazi-Opfer, Nazi-Mitläufer und Nazi-Wendehälse sollen einen neuen Staat aufbauen; und die Hiergebliebenen nehmen den ins Exil Vertriebenen das Emigrantenschicksal unverschämt übel. "Die Frau Doktor haben gut daran getan", seufzt der Oberkellner des Café Herrenhof vorwurfsvoll, "dass Sie fort sind. Allein die Luftangriffe - dreimal haben sie die ganze Stadt in Brand gesteckt."

So muss sich die Rückkehrerin die Frage stellen, "ob in dieser Stadt etwas Lebendiges und Gegenwärtiges besteht, das ich rückhaltlos bewundern kann"; und muss feststellen: "Die Kräfte der Vernunft liegen verschüttet unter vielen Schichten von Trümmern, Verwesung und Verfall, und es scheint ein langwieriger und schwieriger Vorgang, sie wieder auszugraben."

Mag Hilde Spiel auch das Bewusstsein haben, "hier nicht mehr herzugehören", kann und mag sie doch nicht ihre Herkunft vergessen, und nicht die Erinnerung an markante Kindheits- und Jugenderlebnisse. Man erhält in diesem Bericht also nicht nur Ansichten vom Nachkriegs-Wien, sondern auch Einblicke in die Gefühls- und Gedankenwelt der Autorin.

"Bevor ich mit den Grundbegriffen der Volkswirtschaft vertraut war, hatte mich der Marxismus bereits für sich eingenommen, um jener Ehrfurcht willen, die jeder seiner Anhänger vor der Macht der schieren Vernunft empfand." Zu solcher Ehrfurcht gesellte sich das "slawische Element, das uns alle zwischen den beiden Kriegen für die Sowjetunion einnahm". Die Schwärmerei fürs Slawentum trübte den ehrfürchtigen Blick auf die Sowjetunion schließlich so sehr, dass man glatt übersah, wie die Macht der Vernunft durch die Allmacht der Partei ersetzt wurde.

Hilde Spiel: Rückkehr nach Wien. Ein Tagebuch. Mit einem Vorwort von Daniela Strigl. Milena Verlag, Wien 2009, 140 Seiten, 17,90 Euro.



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