
Seit die Männer denken können, denken sie über die Frauen nach. Und über ihr Verhältnis zu ihnen. Die wenigsten kommen dabei auf einen grünen Zweig oder wenigstens zu einem vernünftigen Ergebnis. Die Frau ist und bleibt ein Geheimnis, vor allem für die Männer. Gerade das verwirrt, verstört, verlockt, verführt. Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.
Auch Michael Stavariè hat über die Frauen nachgedacht. Und über deren Verhältnis zu den Männern. Worauf er dabei gekommen ist, erzählt er als ein Schriftsteller; also in künstlerischer Form. Da aber die Männer, seit sie schreiben können, am liebsten über Frauen und ihr Verhältnis zu ihnen schreiben, ist es für jeden jungen Autor sehr schwer, eine originelle Form zu finden, in der das Ewig-Geheimnisvolle der Geschlechterbeziehung zu möglichst überzeugendem Ausdruck kommt.
Die Stavariè-Form heißt indirekte Analyse. Der Analyst ist ein (vermutlich rund 30-jähriger) Ich-Erzähler, dessen weich gezeichnete Charakterzüge vorzüglich auf die Attraktionen jener beiden Frauen abfahren, mit denen er sein Liebesleben teilt; und deren Liebeslebenserfahrungen er uns mitteilt. Da, wie er weiß, "keine Frau der anderen gleicht", ist es ganz natürlich, dass seine beiden Geliebten je eigene Lebenserfahrungen haben und je andere Liebesansprüche stellen: die eine ist bereits Mutter und mit einem gewissen Robert liiert, der ihr allerdings stark auf die Nerven geht; die "andere Frau" stammt vom Land, ist so familiensinnig wie reiseabenteuerlustig, und hegt und pflegt - anders als die Gefährtin mit Kind - eine hingebungsvolle Selbstlosigkeit: "Wenn du nur da bist", braucht sie sonst gar nichts, und "wenn du nur glücklich bist", ist sie´s auch.
Als wäre das Leben eines Mannes mit bzw. zwischen zwei Frauen nicht schon anstrengend und kompliziert genug, überzieht Stavariè die aus Erinnerungen, Einsichten, Absichten und Hoffnungen zusammengesetzten Beziehungsanalysen mit einer Märchen-, Mythen- und Metaphernglasur, solcherart das Allgemeingültige und -typische des Geschlechtstriebs wie des Geschlechterkampfs definieren wollend, mit wilder Wehmut und sanfter Ironie auf Gewichtigkeit bedacht, auf Bedeutungsfülle erpicht: und das schadet der Sinnlichkeit, die also nicht zu Herzen geht, sondern durch die Seelenanalyse stelzt.
Um deren Charakter überdeutlich zu machen, baut Stavariè stilistisch auf den indirekten Redefluss des betroffenen Erzählers, strapaziert den modischen Einfall hauptsätzlich auftretender Dass- und Ob-Sätze, setzt naturgemäß viele (und manchmal leider falsche) Konjunktive. Gleich Richard Wagner hat er ein Faible für Kampfgetöse und Leitmotive (zum Beispiel für Plastikpalmen in allerlei Farben), und hebt Merksätze (nämlich solche, die dem Mann besonders wichtig oder treffend erscheinen) kursiv hervor: "Schlafezu, Geliebter!" - "Küss mich, Frohsinn!" - "Deine Liebe ist meine Straßenbahn." - "Zieh Leine! Armleuchter!"
Was schließlich den geschlechterspezifischen bzw. -übergreifenden Erkenntniswert dieses Romans betrifft, hat Stavariè nichts wirklich Neues zu bieten. "Ob eine Frau wohl mehr sieht als ein Mann"? Dass die Frauen davon überzeugt sind, überrascht die Männer wohl ebenso wenig, wie das weibliche Selbstbewusstsein an der Richtigkeit der Behauptung zweifelt, "dass man eine Frau zu nichts zwingen darf" und "dass im Körper einer Frau manches für immer verloren bleibt, dass sich dort alles ihren Händen entzieht und die Männer ratlos zurückbleiben mit ihren spröden und kantigen Formen."
Kurzum, ein kühner und vielleicht notweniger, doch eher gescheiterter Versuch. Keine Spur von einem grünen Zweig. Nur kunterbunte Plastikpalmen.
Michael Stavaric: Böse Spiele, Roman. Verlag C.H. Beck, München 2009, 155 Seiten, 16,90 Euro