Der Reisende bewegt sich für gewöhnlich "hinaus" aus seiner Bleibe, aus dem alltäglichen Umfeld. Der Tapetenwechsel steht im Zeichen der dialektischen Beziehung von drinnen und draußen. Wer verreist, tauscht das vertraute Hier gegen ein mehr oder weniger bekanntes Dort, ganz gleich, welches Motiv oder Ziel die Reise nun hat.
Ein unumstößliches Gesetz ist dies freilich nicht: Man kann auch auf Reisen gehen, ohne sein Heim zu verlassen. Träume zum Beispiel entrücken in fernste, bizarrste Welten. Allein, planen lassen sie sich nicht. Für den kalkulierten Antritt einer imaginierten Reise braucht es schon ein Transportmedium: ein Buch, ein Bild, den Film. Aber es gibt noch eine ganz andere Art des Reisens vor Ort: die "Zimmerreise".
Generationen von Schriftstellern haben ihren Blick für die "nahe Ferne" geschärft und ihr Zimmer aus der Reiseoptik erforscht. Sie beschrieben die Dingwelt akribisch, analysierten und anthropologisierten die Objekte oder listeten das Interieur einfach nur auf. Und wozu der ganze Aufwand? Der sachlich-ordnende Blick auf das Gewohnte verschafft dem Zimmerreisenden Distanz - zur Alltagswelt, und zu sich selbst.
Der Konstanzer Literaturwissenschafter Bernd Stiegler hat nun eine "Geschichte der Reisen in und um das Zimmer herum" (Untertitel) erstellt. "Reisender Stillstand" heißt die verdienstvolle, in 21 "Etappen" gegliederte Studie, die beim "Urvater" der Zimmerreisen, Xavier de Maistre, einsetzt: 1790 büßt der savoyardische Graf einen Hausarrest von 42 Tagen ab - in Revolutionszeiten duelliert man sich besser nicht!
Der adelige Offizier, ein weit gereister Mann, nutzt den verordneten Stillstand zur " Voyage autour de ma chambre" (Reise um mein Zimmer). Das Werk wird ein Riesenerfolg und begründet das literarische Genre der "Zimmerreise". Die Tradition des Reiseberichts ironisierend, macht sich de Maistre den Mikrokosmos nutzbar: als ein Tor zur Innenschau - und Transzendentalphilosophie.
Das metaphysische Konzept des Homo viator , die Vorstellung vom Menschen als einem Reisenden auf dem Weg, grundiert viele Zimmerreisen. Das Genre erlebt seine Hochblüte im 19. Jahrhundert. Die Dinge entwickeln ein Eigenleben, ziehen den Bürger, den Flaneur, den Dandy in ihren Bann. Doch dann hält der Zweifel Einzug ins Zimmer, entzaubert und destabilisiert das ganze Gefüge; der Raum verwandelt sich in einen Ort der Bedrängnis.
Bernd Stiegler fasst das Genre der Zimmerreise relativ weit: christliche wie parodistische, wissenschaftliche wie virtuelle Mini-Expeditionen werden vorgestellt, desgleichen Fenster- und Gartenreisen, Stadterkundungen des Flaneurs oder Reisen mit dem Zimmer (im Wohnwagen - für den Autor der Inbegriff spießbürgerlichen Reisens). Aufnahme in Stieglers Kompendium fanden auch "optische Zimmerreisen", nämlich solche durch üppig illustrierte Bücher oder durch die wuchernden Bildräume des Internet. Um Gender-Aspekte geht es im Kapitel "Frauenzimmer", welches die Begriffsverschiebung vom gleichnamigen Gemach zu dessen Bewohnerin erläutert und die (nicht nur Zimmer-)Reisende Sophie La Roche würdigt: ihr umfassendes Werk "Mein Schreibtisch" entstand um 1800, als Frauenzimmer noch zahlreichen Reise-Beschränkungen unterlagen.