In seiner packend geschriebenen Autobiografie, die zweite übrigens seit seinem Bestseller von 1986, geht er noch einmal den Ereignissen von damals nach. Diesmal aber ungeschönt, weil er in der Zeit des Kalten Krieges nicht von den Stasi-Häschern ertappt werden wollte, wie er schreibt.
Es gab danach eine tiefe Verunsicherung im gesamten Stasi-Apparat. Schließlich hatte der Autor eine ostdeutsche Bilderbuchkarriere vom Arbeiterkind aus Sachsen-Anhalt bis zum Stasi-Mann mit guten Beurteilungen hinter sich. Dient sich ein so erprobter, scheinbar linientreuer Genosse ohne Not dem Klassenfeind an - dem bundesdeutschen Nachrichtendienst BND - und nimmt er derart viel Material mit, dass rund 70 Ost-Spione im Westen hochgehen, dann ist dies für die Genossen ein gehöriger Schock. Auch der damalige Chef der DDR-Auslandsspionage, Markus Wolf, bis dahin der "Mann ohne Gesicht" im deutsch-deutschen Geheimdienstkrieg, wurde enttarnt.
Abenteuer- und Spiellust
Nicht ideologische Hörigkeit, sondern Abenteuer- und Spiellust bewogen Stiller dazu, Stasi-Agent zu werden. Erklärtes Ziel waren Auslandseinsätze im Westen. Als dies nicht gelang, streckte er selber die Fühler dorthin aus. Später verfrachtete ihn die CIA in die USA, wo er eine neue Identität als Peter Fischer bekam, erfolgreich ein Studium der Finanzwirtschaft abschloss und bei Goldman Sachs und Lehman Brothers arbeitete.
Er verdiente Millionen und verlor sie wieder. Der CIA bescheinigt er rückblickend höhere Professionalität als dem BND, der aus seiner Sicht oftmals stümperhaft vorging. Heute lebt der 63-Jährige mit seiner 6. Ehefrau als Privatinvestor in Budapest - und hat neue Geschäftsideen. Das Abenteuer geht also weiter.
Werner Stiller: Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten, Christoph Links Verlag, 252 Seiten, 20,50 Euro