
(lies) Da scheiden sich die Geister: Die einen meinen, Jugendgewalt habe es immer schon gegeben. Die anderen wissen: Die Zahl der Anzeigen gegen junge Menschen im Alter zwischen 10 und 14 Jahren steigt (laut "News" um 25,8 Prozent vom Jahr 2007 auf 2008). Nur, Anzeigen sind noch lange keine strafrechtlich sanktionierten Delikte. Und 2009 sanken die Anzeigen wieder - wenn auch von hohem Niveau. Dramatische Berichterstattung oder echter gesellschaftlicher Wandel?
Der Autor, Psychologe und Soziologe Philip Streit bleibt eine klare Antwort schuldig. Er erklärt aggressives Verhalten und Kriminalität bei Jugendlichen mit Schlagworten wie epidemisch auftretende "Desintegration" von jungen "Modernisierungsverlierern", vornehmlich aus Krisengebieten oder wirtschaftlich schlechtergestellten Ländern, die auch bei uns keine Chance haben, "auf Augenhöhe zu kommen." Auch fehle es an Beziehungsangeboten seitens der Erwachsenenwelt, sprich der Eltern, Schule, Politik und Gesellschaft. Da steuert die Welt auf ein Pulverfass zu, wenn nicht, laut Streits therapeutischer Erfahrungen, mit "Begegnung und Präsenz" auf verhaltensauffällige, aggressive und Jugendliche im Allgemeinen reagiert wird. Ein kurzer Leitfaden am Ende mit aufmunternden Handlungsanweisungen wertet die ansonsten langatmige, mit nur wenigen Praxisbeispielen garnierte Lektüre ein wenig auf.
Philip Streit: Jugendkult Gewalt. Was Kinder aggressiv macht. Ueberreuter Verlag, 208 Seiten, 19,95 Euro.