"Ein echtes Dummchen" und "eine richtig graue Maus": so urteilt Olive Kitteridge über die neue Hilfskraft in der Apotheke ihres Mannes Henry. Es wäre sehr verwunderlich, wenn Olive sich zu einem besseren Urteil hinreißen ließe. Es genügt, wenn Henry die scheue junge Frau gut findet. Eifersüchtig? Möglicherweise, aber das würde Olive niemals zugeben, sie ist immer zugeknöpft, wenn es darum geht, Gefühle zu zeigen. Lieber poltert sie mit markigen Sprüchen über emotionale Schieflagen hinweg und rettet sich in beißenden Spott.
Nein, Olive Kitteridge, die Hauptprotagonistin von Elizabeth Strouts neuem Roman, für den sie den Pulitzerpreis 2009 erhielt, ist nicht unbedingt liebenswürdig. Ihre Ungeduld und Launenhaftigkeit macht auch vor ihrem Mann Henry und ihrem Sohn Christopher nicht Halt. Während Henry allerdings treu und in aufrichtiger Liebe zu ihr steht, ergreift Christopher die Flucht vor der beherrschenden Mutter, was Olive eine tiefe Kränkung zufügt, über die sie wiederum nur mit Sarkasmus hinwegkommt.
Aber Olive Kitteridge ist nur auf den ersten Blick derb. Um sie zu mögen, muss man sie ein bisschen näher kennen lernen. Dank ihrer Erfinderin, der großartigen Schriftstellerin Elizabeth Strout, die mit wenigen Sätzen eine Person überzeugend zu charakterisieren versteht, ist das spätestens nach dem zweiten Kapitel der Fall, und man bekommt tiefe Einblicke in die Seele dieser pensionierten Mathematiklehrerin. Im Grunde ist Olive eine mitfühlende, verletzliche Frau mit großer Empathie für ihre Mitmenschen, was in oft unspektakulären oder dramatischen bis tragikomischen Szenen geschildert wird.
Elizabeth Strout verarbeitet Olives Geschichte in dreizehn Kapiteln, von denen jedes eine eigenständige Kurzgeschichte sein könnte. Im Mittelpunkt stehen nicht nur Olive und Henry, sondern auch andere Bewohner von Crosby, einer Kleinstadt an der Küste von Maine, die nicht viel Abwechslung zu bieten hat. Aber solche Beschaulichkeit hat Tücken. Vieles wird unter den Teppich gekehrt, und dort, wo er angehoben wird, purzeln Bruchstücke kleinerer und größerer Katastrophen hervor: Auch in Crosby passieren Morde, wird Missbrauch begangen, geschehen Ehebrüche, wird ungelebten Lieben nachgetrauert, verfallen bereits junge Leute dem Alkohol.
Auch jene Geschichten, in denen Olive nur als "Randfigur" auftaucht, komplettieren sowohl das Bild der originellen Antiheldin als auch jenes des sozialen Geflechts auf überzeugende Weise. Und manch ein Dialog bringt das Unfassbare mit humorvollem Understatement zum Ausdruck: "Sie haben wahrscheinlich schon daran gedacht, sich umzubringen. Louise sagte es heiter, als tauschten sie Rezepte für Zitronenkuchen aus.
Olive empfand eine flüchtige Desorientiertheit, als hätte sie einen Fußball auf den Kopf bekommen. Aber das würde doch kein einziges Problem lösen, sagte sie.
Aber sicher, sagte Louise liebenswürdig. Es würde Ihre sämtlichen Probleme lösen. Die Frage ist nur, wie machen Sie es."
Elizabeth Strout: Mit Blick aufs Meer. Roman. Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth. Luchterhand, München 2010, 352 Seiten, 20,60 Euro.