Ein "Übergänger" ist ein Mensch, der von einer Klasse oder Liga in eine andere wechselt. "Der Übergänger" - so ist auch das Buch betitelt, in dem Armin Thurnher vom Journalisten zum Romancier mutiert. Doch der Chefredakteur des "Falter" und Verfasser mehrerer zeitkritischer Essaybände wechselt in seinem neuesten Buch nicht nur das Genre, sondern auch die Thematik: Obwohl die österreichische Politik mehrmals als Nebenthema an--klingt - sogar ein kunstsinniger "roter Bundeskanzler" tritt auf -, handelt "Der Übergänger" im Wesentlichen von der Musik.
Es berichtet ein Ich-Erzähler, und Thurner macht sich nicht die literarische Mühe, ihn als Alter Ego zu verkleiden. Stattdessen spricht ein (recht dominantes) Ego, das den Namen "Armin Thurnher" ausdrücklich beibehält. Allerdings stellt sich hier kein politischer Journalist vor, sondern ein musikalischer Enthusiast: Er berichtet von seinen Leiden und Freuden als engagierter Freizeit-Pianist und porträtiert interessante Künstler aus seiner Bekanntschaft. Vom jungen Wiener Pianisten Till (der Nachname bleibt ungenannt, doch werden Kenner der Szene gewiss ein "Fellner" ergänzen) lässt sich der dilettierende Klavierspieler zum Beispiel erklären, wie man effizient übt. Und Agathe, "eine der großen Geigerinnen unserer Zeit", gehört zu seinen Kammermusikpartnerinnen. Die beiden beschäftigen sich unter anderem mit Mozarts Sonate für Klavier und Violine in e-Moll - besonders gut gelingt ihnen der zweite Satz, der von Thurnher treffend als "Menuett von einer innigen Eleganz und tiefkoketten Trauer" charakterisiert wird.
Im Zentrum dieser literarischen Beschäftigung mit den Schönheiten der klassischen Musik steht allerdings nicht die eigene musikalische Praxis, sondern die Kunst eines verehrten Interpreten. Thomas Bernhard beschrieb seinerzeit im Roman "Der Untergeher" den Pianisten Wertheimer, der an übertriebener Glenn Gould-Verehrung zugrunde gegangen ist. Was Gould für Wertheimer, ist Alfred Brendel für Thurnher, und so ist "Der Übergänger" unter anderem auch eine Variation über ein Thema von Bernhard.
Vielleicht arrangiert der Autor seine Romanhandlung auch deshalb ein wenig slapstickhaft: Die Geschichte wird dadurch vorangetrieben, dass der Erzähler von Anfang an darum bemüht ist, den Pianisten zu treffen, dass aber immer etwas dazwischen kommt, was ein solches Treffen verhindert. Thurnher erzählt also nicht die Geschichte einer intensiven Begegnung, sondern die einer andauernden Verfehlung. Erst am Schluss des Buches kommt es zu einer etwas näheren Bekanntschaft zwischen den beiden Hauptfiguren des Romans.
Im persönlichen Umgang zeigt sich dann deutlicher als im Konzert, dass Brendel auch sehr witzige und boshafte Seiten hat. Und der Autor, dem die Ironie zum Glück auch nicht ganz fremd ist, genießt die Begegnung mit dem sozusagen inoffiziellen Alfred Brendel sehr.
Dennoch ist das Buch in seinen wesentlichen Aussagen ernster gemeint, als sein lockerer Erzählton vorgibt: "Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über", heißt es in der Bibel, und auch in diesem biblischen Sinn ist Thurnher ein "Übergänger": Ihm geht der Mund wahrlich über. Er preist Brendel in höchsten Tönen, weil der ihm als "der letzte große Pianist des Bildungsbürgertums" erscheint - wobei die kulturkritische Pointe darin besteht, dass der hochgebildete Pianist kaum noch mit einem kongenialen bildungsbürgerlichen Publikum rechnen kann.
Wenn Thurnher Recht hat, dann verstehen nur wenige die Intentionen Brendels, aber wer sich (wie der Autor) zu diesen Wenigen zählt, verehrt den ernsten, strengen Künstler als Repräsentanten des absoluten Wollens und Könnens. Ein Freund sagt einmal ironisch zum Erzähler: "Du bist der weltweit größte Fan von Brendel, das wissen wir". Und was die Freunde des Autors schon lange wussten, erfahren jetzt auch die Leser seines ersten Romans: Denn der ist im Wesentlichen eine Huldigungsschrift für einen großen Musiker. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Armin Thurnher: Der Übergänger. Roman. Zsolnay Verlag, Wien 2009, 252 Seiten, 20,50 Euro.