
Herbert Tichys Afghanistanbericht erschien 1940 erstmals und wurde nun - mit Illustrationen von Herwig Zens - in der Edition Sonnenaufgang neu aufgelegt. Tichy, Reiseschriftsteller, Journalist und Photograph, geht der politischen Geschichte Afghanistans nach, das über Jahrhunderte ein Spielball der Machtpolitik europäischer Großmächte war und es bis zur Gegenwart geblieben ist. Hinzu kommen ethnische und religiöse innere Spannungen der Stämme und ihrer Clanführer, die bis heute die Identität Afghanistans prägen und sich Einflüssen von außen widersetzen.
Tichy skizziert ein historisch vielschichtig und präzises Bild der Situation Afghanistans unter Einfluss des Britischen Empires, für das die Kontrolle über dieses Tor nach Indien über mehr als hundert Jahre entscheidend war. Hinzu kamen die russischen und deutschen Interventionen seit dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre, als deutsche Militärberater am Aufbau des afghanischen Heeres maßgeblich beteiligt waren. Es ist ein heterogenes Bild einer Stammesgesellschaft, das da entworfen wird und erstaunlich den aktuellen Gegebenheiten - die maßgebende Rolle des Islam inbegriffen - entspricht. Der bewaffnete Kampf hat hier traurige Tradition, auch wenn die Gegner wechseln.
Eine Nation ist aus Afghanistan bis heute nicht geworden. Das Vorwort von Gudrun Harrer, Nahostexpertin der Tageszeitung "Der Standard", lässt zudem alles andere als positive Ausblicke auf zukünftige Entwicklungen zu. Zu nahe ist Pakistan, zu stark sind die extremistischen Tendenzen, die dort ihren Nährboden finden und sich immer wieder in Gewalt entladen. Das aber ist nur ein Aspekt.
Herbert Tichy: Afghanistan. Das Tor nach Indien. Neuauflage mit Illustrationen von Herwig Zens und Analyse von Gudrun Harrer. Edition Sonnenaufgang, 228 Seiten, 24,20 Euro