Der deutschen Ausgabe des Romans eilt eine Phalanx von Jubelrufen und Lobeshymnen voran: "Monatelang auf den Bestsellerlisten in Großbritannien und Australien - Nominiert für den Man Booker Prize 2010 - Ausgezeichnet mit dem Commonwealth Writers Prize - In 27 Länder verkauft! - Fesselnd vom Anfang bis zum Ende (The Guardian) - Ein unverzichtbares Buch! (Sunday Times) - Nichts weniger als ein Meisterwerk der Moderne (The Times)". Wen würde das nicht beeindrucken? Wer würde dem widersprechen wollen? Nun, zum Beispiel ich.
Schauplatz der Handlung ist eine in Melbourne ansässige Großfamilie mit griechischen Wurzeln, ein Milieu, in dem sich der Autor Christos Tsiolkas offenbar gut auskennt. "Das ist die verdammte Realität", heißt es einmal, "willkommen im Australien des frühen 21. Jahrhunderts".
Schon beim Eintritt bemerkt man, dass die hier vorgestellte Realität verdammte Ähnlichkeit mit dem Klischeematerial der trivialen Familiengeschichtsschreibung hat.
Vor rund einem halben Jahrhundert auf dieser Insel schöner Hoffnungen gelandet, haben sich die griechischen Einwanderer, sowie ihre Kinder und Enkelkinder, eher recht als schlecht im neuen Leben eingerichtet, haben es zu mehr oder minder Wohlstand gebracht, mancherlei mehr oder minder intime Kontakte zu Menschen mit anderem "ethnischen Hintergrund" geknüpft und beschäftigen sich privat vor allem mit folgenden Themen (deren Rangordnung von der jeweiligen Leib- und Seelenkonstitution abhängt): Sex, Drogen, Alkohol, Familiensorgen, Beziehungsprobleme, Lebenslügen.
Mitten hinein in diese Down Under-Alltäglichkeiten (übrigens bei einer der dort unvermeidlichen Barbecue-Partys) klatscht eine Ohrfeige (Originaltitel des Romans: "The Slap") und löst eine kleine exilgriechische Tragödie aus.
Um einen wilden Bubenstreit zu beenden, versetzt Harry, der Cousin des Gastgebers Hector, Hugo eine Backpfeife. Dessen Mutter Rosie (die so inniglich an dem bald vier Jahre alten Kind hängt, dass sie es immer noch am Busen stillt) ist darob so maßlos aufgebracht und bleibt trotz Harrys Verzeihungsbitte so unversöhnlich, dass der Fall vors Bezirksgericht kommt. Auf Seite 301 wird Rosies Klage abgewiesen; es folgen noch 209 Seiten bis zum Happy End.
Weitaus peinlicher als die soziologischen und psychologischen Folgen einer simplen Watschen berührt allerdings die Trivialität der gewählten Erzählmethode. Christos Tsiolkas stattet sein Romanpersonal mit schematisch konstruierten Charakteren aus und schreibt ihnen klischeehafte Verhaltensweisen vor, indem er gendergerechte Phrasenpflege zum Stilmittelmaß seiner Poesie macht.
Zum Beispiel so: "Die junge Frau vor ihm trug enge Jeans, in denen runde, verführerisch kleine Pobacken steckten. Sie hatte lange schwarze Haare, Hector nahm an, dass sie Vietnamesin war. Er ging langsam hinter ihr her. Den Lärm und das Geschrei vom Markt nahm er nicht mehr wahr, es gab nur noch den perfekt schwingenden Arsch vor ihm." Oder auch so: "Als er sie in seinen kräftigen Armen hielt und an seine muskulöse Brust drückte, gab sie auf. Es machte sie glücklich, sich fallen zu lassen und von ihm gehalten zu werden. Sie schloss die Augen. Sie gehörte ihm."
Was bitte soll daran meisterlich sein? Was modern? Tant de bruit pour un slap.