
Wieder hat Vranitzky unterschiedliche Autoren aus der linken Denkhälfte Österreichs zu einem schillernden Cocktail gemixt. Günter Geyer etwa präsentiert einfach die von ihm geleitete Versicherung. Der Journalist Armin Thurnher hingegen schreibt viel Mutiges und Richtiges zur Medienszene: So beweist er, dass die Journalisten von "Krone", "Österreich" oder der "News"-Gruppe nur deshalb ständig im ORF auftreten, weil dahinter ein "Gemauschel", ein Gegengeschäft des ORF mit den jeweiligen Verlagshäusern stehe. Er zeigt auch, wie der moderne, multimediale, aktualitätsversessene Journalismus seine eigentliche Qualitätsleistung, die Recherche und den Blick in den Hintergrund, verliert.
Die beiden Ärztinnen Teresa Wagner und Christine Scholten wiederum gehen den Folgen von Alkohol, Nikotin und Übergewicht nach, ignorieren dabei auffälligerweise alle verbotenen Drogen und fordern ein "rauchfreies"(!) Österreich. Sie verlieren sich darüber hinaus in ideologischen Fehlschlüssen: So führen sie die Tatsache, dass Arbeitslose viel mehr rauchen und viel häufiger extrem übergewichtig sind, auf "soziale Benachteiligungen" zurück. Offenbar ist also Rauchen billiger als Nichtrauchen.
Ursache und Wirkung
Die Autorinnen verwechseln damit auch - nach dem Motto: Regen ist eine Folge des Aufspannens von Regenschirmen - statistische Korrelation mit Kausalität. Sie begreifen nicht, dass sowohl Rauchen und Übergewicht wie auch die Arbeitslosigkeit eine dritte Ursache haben könnten (oder mehrere). Die vielleicht auch in der Persönlichkeit der Betroffenen liegen könnte. Für die ideologisch gut verankerten Autorinnen muss offenbar immer die Gesellschaft an allem schuld sein. Auffällig ist auch eine Autorin aus dem Wifo, die zu der kühnen Ansicht kommt, Sozialpolitik solle mit wirtschaftlichen oder budgettechnischen Sachzwängen nichts zu tun haben. Es wäre irgendwie spannend, wenn die gute Frau diese Logik einmal in China, Japan oder Nigeria zu verkaufen versuchte.
Noch an anderen Stellen ließen sich kritische Fragezeichen anfügen. Aber immerhin ersetzt der Band so etwas wie die Diskussion über ein SPÖ-Programm. Wobei ja Parteiprogramme in allen Lagern kaum noch Ähnlichkeit mit der Politik der Partei haben .. .
Franz Vranitzky (Hg.): Themen der Zeit II; Passagen Verlag 414 Seiten, 49,40 Euro