• vom 12.02.2010, 15:00 Uhr

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Update: 12.02.2010, 15:02 Uhr
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Genies auf der Verliererstraße

Walser, Alissa: Am Anfang war die Nacht Musik


Von Peter Mohr
  • Alissa Walser widmet ihr Romandebüt Franz Anton Mesmer und dessen Mann-/Arztbeziehung zu einer hypersensiblen Seelenverwandten.

"Ich habe gemerkt, dass dieser Stoff in mir einen anderen Atem entwickelt, und dem habe ich nachgegeben." So erklärt Alissa Walser die Vorgeschichte ihres ersten Romans. Die zweitjüngste Tochter des Romanciers Martin Walser, die 1992 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, hatte sich bisher nur der literarischen Kurzform gewidmet und die Erzählbände "Dies ist nicht meine ganze Geschichte" (1994) und "Die kleinere Hälfte der Welt" (2000) veröffentlicht. Außerdem arbeitet sie seit vielen Jahren erfolgreich als Malerin und Übersetzerin (u.a. von Sylvia Plath und Joyce Carol Oates).

In ihrem Romanerstling schickt Alissa Walser den Leser auf eine anspruchsvolle Zeitreise ins 18. Jahrhundert: Im Wien des Jahres 1777 begegnen wir der schillernden Figur des am Bodensee geborenen Franz Anton Mesmer (1734-1815) - Mediziner, Glasharmonikaspieler, Theologe und Philosoph, der gleichermaßen als Scharlatan wie als Wunderheiler gilt. Mesmer kann respektable medizinische Erfolge vorweisen, die von den etablierten Ärzten jedoch misstrauisch beäugt werden, da ihnen keine plausible Theorie zugrunde liegt.

Mittels Metallstangen, Handauflegen und Musik behandelt Mesmer seine Patienten, spricht vom Fluidum, das alle Körper durchströmt und nennt seine unkonventionelle Methode "animalischer Magnetismus". Den Durchbruch erhofft sich der zur Skepsis neigende Philosoph ("Gedanken sind wie Arznei. Falsch dosiert, und man geht zugrunde daran"), als er eine bekannte Patientin erhält - die Tochter eines kaiserlich-königlichen Hofbeamten. Diese Maria Theresia von Paradis ist musikalisch hochbegabt, aber seit frühester Kindheit blind.

Die 49-jährige Alissa Walser hat keine Mesmer-Biografie im Sinn, erst recht keine gelehrte Roman-Abhandlung über dessen "revolutionäre" Methoden; sie konzentriert sich auf das Verhältnis zwischen Mann und Mädchen - zwischen Arzt und Patientin. Alternierend erzählt sie aus der Sicht ihrer Hauptfiguren, konsequent im Präsens und in indirekter Rede. Je besser sich Mesmer und die junge Paradis kennen lernen, umso mehr Gemeinsamkeiten entdecken die beiden: ihre Liebe zur Musik, aber auch ihren Mangel an sprachlicher Kompetenz, um ureigene Träume, Sehnsüchte und Ängste auszudrücken: seelenverwandte sprachlose Genies.

Der jungen Künstlerin fehlt jedoch mehr als das Augenlicht. Als sie bei der Behandlung ihre Perücke lüftet, erblickt Mesmer einen von Narben übersäten Kopf. Wurde das "Wunderkind" gefoltert und dadurch traumatisiert, oder ist es Opfer dilettantischer Schulmediziner geworden? Es klingt wenig tröstlich, wenn Mesmer dazu bemerkt: "Heutzutage müsse ein Kranker vor allem den Arztbesuch überstehen."

Der Wunderheiler dringt mit ruhig-besonnenen Worten tief in das Innere der empfindsamen Künstlerseele ein und fordert Maria Theresia auf, über die erlittenen Qualen zu sprechen. Mesmer wirkt als Therapeut wie ein Vorläufer Sigmund Freuds. Die Protagonistin wird von ihrer psychogenen Blindheit geheilt, verliert aber gleichzeitig ihre virtuose Klavierspielfähigkeit, "ihre Finger überschlagen sich wie ein Trupp nach allen Seiten auseinanderstrebender Kutschpferde".

Maria Theresias Vater bricht daraufhin empört die Behandlung ab; und seine Tochter verfällt plötzlich wieder in Blindheit. Durch den Rückfall fühlen sich die konservativen Schulmediziner am Hof in ihrem Urteil über Mesmer bestätigt. Der flieht aus Wien nach Paris, kann sich aber auch dort nicht gegen die etablierte Medizin durchsetzen.

"Der Mesmer in meinem Buch ist mir durchaus sympathisch. Sonst hätte ich es wahrscheinlich gar nicht ausgehalten, mich so lange mit ihm zu beschäftigen", sagte Alissa Walser in einem Interview. Sehr behutsam hat sie sich ihren beiden Figuren angenähert, die geheimnisvolle Arzt-Patient-Beziehung ausgeleuchtet und ist in die hintersten Winkel ihrer Seelen vorgedrungen.

Zwei hypersensible Genies auf der Verliererstraße sind dabei zum Vorschein gekommen. Das was ihnen fehlte, haben sie von Alissa Walser bekommen: eine präzise Sprache.

Alissa Walser: Am Anfang war die Nacht Musik. Roman. Piper Verlag. München 2010, 253 Seiten, 19,95 Euro.




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Literarisches Buch

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