
Anhand zahlreicher erhaltener Fotos und Briefauszüge erfahren wir manch bekanntes Klischee bestätigt, aber auch viel Neues, teils auch Bedenkliches oder gar Unappetitliches über die Rolle der Geschlechter in der noch stark vom Adel geprägten Ära unserer Urgroßeltern.
So mutet schon die damals streng getrennte Erziehung von Knaben und Mädchen angesichts heute propagierter "Frauengleichstellung" unwirklich an. Im Gegensatz zu den Buben, bei denen die jeweils Erstgeborenen auf ihre künftige Position als Familien- und Vermögens-Oberhaupt vorbereitet wurden, galt es bei Mädchen, diese vor allem zu klugen Schöngeistern zu erziehen, die ganz in ihrer Rolle als Ehefrau und Haushaltsvorsteherin aufgingen.
Die Chance adeliger Töchter auf unbeschwerte Jugend war gering: Konnten heranwachsende Männer bald alleine aus- oder fortgehen, wurden junge Damen streng behütet, durften alleine keinen Schritt außer Haus tun und gingen vielfach völlig unerfahren in die frühe Ehe mit einem möglichst gut situierten Adelsspross. Nicht standesgemäße Ehen oder gar ein Überbleiben als "alte Jungfer" galten gemeinhin als Katastrophe.
Durch die gesellschaftlich geduldeten amourösen Vergnügungen der Männer kam es nicht selten vor, dass der Herr des Hauses an damals noch unheilbarem Tripper oder gar Syphilis erkrankte und auch seine ahnungslose Gattin damit ansteckte. Seitensprünge der Frauen kamen zwar auch vor, waren aber fast nur im engsten Familien- oder Personalkreis möglich.
Schrille Fürstinnen
Dennoch entwickelten sich auch im 19. Jahrhundert herausragende und gesellschaftlich tonangebende Frauenpersönlichkeiten wie die schrille Fürstin Pauline Metternich, Enkelin des legendären Staatskanzlers und mächtige Organisatorin üppiger Wohltätigkeits-Veranstaltungen.
Gerade solche Ereignisse, die den umstrittenen "Life Ball" an Aufwand vielfach in den Schatten stellten, entwickelten sich ab der Jahrhundertmitte zur Domäne reicher Frauen, die sich mit Prunk und bewusst eingeladenen Skandal-Gästen aus der Unterschicht gern selbst inszenierten. Oft kosteten allein die Kostüme bei den beliebten "Themenbällen" mehr, als die ganze Veranstaltung einspielte.
Doch bei aller vermeintlichen oder fallweise auch ehrlich gemeinten Zuwendung zu armen Volksgruppen blieb der Adel streng unter sich; jede "Mischung" mit anderen Ständen galt als "Gefahr" für das Kaiserhaus und somit für den Adel an sich. So konnte man zwar an der aufstrebenden Klasse der Ringstraßen-Barone - meist geadelte Unternehmer wie der legendäre jüdische Bankier Nathaniel "Natti" Rothschild - allein aufgrund des enormen Geldbedarfes der Hochwohlgeborenen immer weniger vorbei. In die privaten Salons oder gar Familien der Blaublütler fand der Geldadel allerdings kaum Zugang.
Heiratsmarkt mit Intrigen
Doch auch innerhalb des Adels war Vermögen ein wichtiger Faktor. Liebesheiraten kamen daher so gut wie nie vor. Den Ehepartner, wenn nur irgend möglich Erstgeborener einer gut situierten Familie, suchten die Eltern aus; es existierte ein heiß umstrittener und von Gerüchten und Intrigen gesteuerter Heiratsmarkt, auf dem die jungen Leute wie Schachfiguren platziert wurden. Umso erstaunlicher, dass rückblickend viele solcher "Vernunftehen" gut und nicht selten sogar liebevoll verliefen.
Martina Winkelhofer: Adel verpflichtet. Verlag Amalthea, 272 Seiten, 24,95 Euro.