
Bei den vielen Väter-Büchern, die in diesem Frühjahr auf dem deutschsprachigen Markt erscheinen (von Arno Geiger über Hanif Kureishi, Karl Ove Knausgard, David Vann bis hin zum nachgelassenen Erzählungsband von John Updike mit dem deutschen Titel "Die Tränen meines Vaters"), läge es nahe, auch das neue Buch von Wolf Wondratschek, "Das Geschenk", in diese Riege aufzunehmen. Immerhin geht es darin um einen Vater, den 62-jährigen Chuck, und seinen 14-jährigen Sohn, einen pubertierenden, höchst verstockten Knaben, der sich den Avancen seines Vaters zu einem handfest-sinnlichen Leben - Boxen, Gitarre spielen, Bücher lesen - mit beharrlicher Apathie verweigert.
Aber das ist nur eine von vielen Geschichten, die von diesem Chuck erzählt werden - dem in die Jahre gekommenen Helden aus Wondratscheks Gedichtband "Chuck´s Zimmer", der in den 1970er Jahren mit fast 300.000 verkauften Exemplaren zu einem sensationellen Bestseller wurde. Und dieser Chuck, einst ein vor Vitalität und Virilität strotzender, freilich auch ständig bekiffter Haudegen und Held der Gegenkultur, hat heute, nach überstandener Drogensucht, Probleme beim Pinkeln.
Auch davon handelt dieses Buch, und zwar an einer seiner besten Stellen. Als nämlich der alternde Schriftsteller (auch das ist Chuck, der mit seinem Autor - welcher allerdings, wie ja fast jeder Schriftsteller, das nicht gerne lesen mag - viele Attribute und Eigenschaften teilt) in der Praxis einer attraktiven Urologin landet, und sich dort in wehmütiger Aufgekratztheit vorstellt, wie er vor Jahrzehnten mit solch einem "Prachtweib" verfahren wäre, von dem er nun kommandiert und medizinisch befingert wird - bis hin zur Aufforderung: "Wenn ich nun noch um ein Ejakulat bitten dürfte? - Auch das noch, dachte Chuck."
Von ähnlicher Komik, zudem von berührender existenzieller Raffinesse, ist eine Lobrede, die Chuck - ausgerechnet auf einer Literaturkonferenz, unter den Bildern von Jesus, Thomas Mann und Martin Luther King sitzend - auf Donald Duck hält, und zwar als Vorbild und "Menschengenie"! Chuck bewundert den Optimismus, den Kampfgeist und die Risikobereitschaft dieser "Looser"-Ente, die sich immer wieder, jeden Morgen aufs Neue, hochrappelt und den Herausforderungen des hinterhältigen Entenhausener Schicksals trotzt: "Wie unermüdlich und ausdauernd er sich abmühe mit all den Tücken seiner alltäglichen Existenz, die, was sonst, mit der aller Menschen dieses Planeten identisch seien."