• vom 08.03.2016, 13:20 Uhr

Literatur


Kinderbuch

Eine Kindheit im Nachkriegs-Wien








Von Mathias Ziegler

  • Christine Nöstlingers "Maikäfer, flieg!" wurde zur Verfilmung neu aufgelegt. Zum Glück.

Es hat schon einen Grund, dass Christine Nöstlinger zu den erfolgreichsten und besten österreichischen Kinderbuchautoren gehört. Nicht umsonst hat die Wienerin, die am 13. Oktober 2016 ihren 80. Geburtstag feiert, neben dem Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur auch schon den internationalen Hans-Christian-Andersen-Preis und den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis bekommen. Neu veröffentlicht hat sie zwar zuletzt vor drei Jahren etwas, dafür kommt man auch im heurigen Jahr nicht an ihr vorbei. Und zwar nicht nur wegen des bereits erwähnten bevorstehenden runden Geburtstags, sondern wegen einer Neuauflage ihres eindrucksvollen Kinderromans "Maikäfer, flieg!" parallel zur Verfilmung mit Ursula Strauss, Gerald Votava, Konstantin Khabensky, Krista Stadler, Heinz Marecek und Hilde Dalik.



Der Film kommt nämlich genau jetzt ins Kino - und man darf gespannt sein, wie eng er sich ans literarische Original hält. Dieses ist bereits im Jahr 1973 erschienen, drei Jahre nachdem Nöstlinger mit dem öffentlichen Schreiben begonnen hatte. In "Maikäfer, flieg!" hat sie ihre eigenen Kindheitserlebnisse am Ende des Zweiten Weltkriegs im 17. Wiener Gemeindebezirk autobiografisch verarbeitet. Im Mittelpunkt steht dabei neben der Familie - der Vater war verwundet aus dem Krieg heimgekehrt - die Besatzung durch die Russen, und dabei rückt vor allem der gelernte Schneider Cohn aus Leningrad in den Mittelpunkt, der als Koch nach Wien eingerückt ist. Kochen kann Cohn freilich nicht einmal leidlich - dafür aber umso besser mit der kleinen Christel umgehen. Und so entsteht eine ungleiche Freundschaft, die freilich nur so lange halten kann, wie die russische Besetzung beziehngsweise Christels Aufenthalt der Neuwaldegger Villa dauert, in der ihre Familie untergekommen ist, bevor ein russischer Major dort samt Begleitung einzieht.

Wer die erste Auflage 1973 versäumt hat, sollte spätestens jetzt bei diesem Stück Geschichtsaufarbeitung zugreifen. Auch, weil sich die damals 37-jährige Nöstlinger als 8-jährige Ich-Erzählerin kein Blatt vor den Mund nahm, selbst wenn sie darüber berichtete, wie eine Bombe ihre Tante getötet hatte oder welche Schauergeschichten sich die Wiener über die Russen erzählt hatten. Und trotzdem weidete sie sich nicht am Unglück und schaffte es, den Stoff ehrlich, aber kindgerecht zu erzählen. Vor allem ist eines beeindruckend: Dass sie später als Autorin noch besser geworden ist, als sie damals ohnehin schon war.

Christine Nöstlinger: Maikäfer, flieg!
Gulliver von Beltz & Gelberg; ab 9 Jahren; 221 Seiten; 12,95 Euro





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