• vom 20.05.2006, 00:00 Uhr

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Update: 30.05.2012, 22:53 Uhr

Bob Dylan

Dylan, Bob: Blonde On Blonde




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Von Uwe Schütte

  • Bob Dylans Meisterwerk aus 1966

Wegweisendes Dylan-Album aus dem Jahr 1966: Blonde On Blonde.

Wegweisendes Dylan-Album aus dem Jahr 1966: Blonde On Blonde.© Sony Music Wegweisendes Dylan-Album aus dem Jahr 1966: Blonde On Blonde.© Sony Music

Was Bob Dylan betrifft, gilt es vor allem eine Maxime zu beachten: Man sollte ihn sich nicht von seinen Fans vermiesen lassen. Wie bei kaum einem anderen Musiker der Popgeschichte bildeten sich unter Dylans Anhängern geradezu fanatische Schulen und Verehrungsexzesse heraus, was von Herrn Zimmerman selbst im Übrigen immer mit Misstrauen betrachtet wurde.

Unter seinen Adepten lassen sich, zumindest im deutschsprachigen Raum, drei Hauptgruppen unterscheiden: Erstens die Esoteriker, die in jedem Song, jedem Foto, jeder Geste des Meisters einen Akt verdeckter Offenbarungen und Botschaften vermuten, die es zu entziffern gilt. Diese vielschichtige Gruppe reicht von Paranoikern, die ihre verqueren Thesen im Internet verbreiten, bis zu Akademikern, die mehrhundertseitige literaturwissenschaftliche Interpretationen seiner Texte verfassen.


Zweitens die durchwegs männlichen Nostalgiker, die in den Sechzigern ihre Popsozialisation mit Dylan erfahren haben und ihm seitdem fanatisch durch alle ups and downs die Treue halten. Er repräsentiert für sie die Definition von Popmusik, weshalb jeder andere Sänger und jede andere Band zu ihm in Bezug gesetzt wird. Ihr enzyklopädisches Wissen über Dylan und angrenzende Musiker steht in einem bezeichnenden Gegensatz zum spießigen Desinteresse an den meisten anderen Bereichen des Pop.

Drittens bildungsbürgerliche Schichten, die Popmusik aufgrund oberflächlicher Adorno-Lektüre als kulturindustriellen Schund ablehnen, Dylan aber dennoch einen Platz in ihrer aus Klassik, ECM-Jazz und politisch korrekter Weltmusik bestehenden Plattensammlung gewähren. Der Idee, Dylan für seine "poetischen Texte" den Literaturnobelpreis zu verleihen, stehen sie durchaus aufgeschlossen gegenüber, zumal nach ein paar Gläsern italienischen Rotweins.

Die wahre Bedeutung von Bob Dylan hat mit all diesen, eigentlich herablassenden Vereinahmungen freilich wenig zu tun. Bruce Springsteen brachte es auf den Punkt: "Bob hat unseren Geist befreit, so wie Elvis unsere Körper befreit hat."

Dylans Musik predigte nicht nur den Protest, er verwirklichte die progressiven Ideale auch auf vielfältige Weise in seiner Kunst: indem er über Politik sang, indem er zur elektrischen Gitarre griff, indem er die Form des Popsongs veränderte, indem er Pop und Literatur verschmolz, indem er zum Christen wurde, indem er sich weigert, auf Konzerten seine "Hits" zu spielen. Bezeichnenderweise lösten all diese Schritte bei seinen Anhängern zumeist Proteste aus. In anderen Worten: Dylan, Protest-Sänger in einem doppelten Sinn, war immer weit progressiver als seine konservativen Fans.

"Blonde On Blonde", im Mai 1966 erschienen, ist eines der vielen Beispiele dafür. Die Platte war das erste Doppelalbum der Popgeschichte (Frank Zappas Debüt "Freak Out" kam zwei Monate später heraus), allein dies ist schon ein bemerkenswertes Verdienst. Weil er sich für die Aufnahme des Albums erstmals mit einer Band zusammentat, galt Dylan den Folk-Puristen als Verräter.

Mit "I Want You", "Just Like A Woman" und "Rainy Day Woman

12 & 35" enthält "Blonde On Blonde" mindestens drei große Hits. Herausragend ist auch "Sad-Eyed Lady Of The Lowlands", eine zehnminütige Ode an seine damalige Gattin Sara. Seinen wirklichen Triumph feiert Dylan allerdings mit "Visions Of Johanna", einem visionären Song voll atmosphärischer Bilder und rätselhafter Metaphern.
Die auf "Blonde On Blonde" folgende "laute und elektrische" Tour mit The Band kostete Dylan dann einen Teil seiner Fans, die den radikalen Stilwechsel und die künstlerische Erneuerung nicht tolerieren wollten. Diesen Verlust konnte er aber verschmerzen.

Bob Dylan: Blonde On Blonde (Columbia/SonyBMG).




Schlagwörter

Bob Dylan, Pop-CD

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2006-05-20 16:36:00
Letzte ─nderung am 2012-05-30 22:53:43



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