• vom 29.07.2005, 16:59 Uhr

CDs

Update: 06.08.2012, 13:46 Uhr

Pop-CD

Dorninger, Wolfgang: Theatre Scores Remixed




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Bruno Jaschke

  • Theater durch Musik erleben

Die schöne, vergängliche Welt des Pop bereichert der Oberösterreicher Wolfgang "Fadi" Dorninger als Keyboarder der zuletzt zunehmend zum "Besinnlichen" tendierenden Electro-Hardcore-Formation Wipeout. Daneben betreibt der ehemalige Visuelle Medienstudent bei Professor Peter Weibel auch ein eigenes Label (Base Records) und veröffentlicht schon seit längerem Projekte, die man als Hörbilder oder akustische Skulpturen, sicher aber als Konzeptalben im guten Sinn bezeichnen könnte.


"Hisatsinom, über das Verschwinden" nimmt, mit Beteiligung des 16 Horsepower- und Woven Hand-Frontmanns David Eugene Edwards, den Untergang der indianischen Hochkultur im Südwesten der USA als Ausgangspunkt, das Verschwinden kultureller Codes zu erforschen, während die Mini-CD "Fadi@vilnius.lt" Eindrücke und Aufnahmen aus Litauen zu einem Hörspiel mit sakralem Einschlag verarbeitet. Wie wiederum das kleine Dorf Asten bei Linz von der Industrialisierung und Beschleunigung der Zeit aus der Bahn geworfen wurde, ist auf der gleichnamigen CD nachzuvollziehen.

Mit Linz hat auch Dorningers neueste Arbeit zu tun, die in Form einer Doppel-CD eine Auswahl der "Soundtracks" präsentiert, die er in den vergangenen zwölf Jahren in intensiven Auseinandersetzungen mit Stücken und beteiligtem Theaterpersonal für Aufführungen des Theater Phönix und des Landestheaters gefertigt hat.

"Theatre Scores Remixed" sind seine klanglichen Ausstattungen für Schillers "Räuber", Wedekinds "Lulu", Burgess´ "Clockwork Orange", mehrere Shakespeare-Deutungen u. a. betitelt. Warum "remixed"?

"Die ursprüngliche Theater-Musik ist von mir exakt auf die jeweilige Szene und die Spieldynamik der Schauspieler abgestimmt worden. Ohne Schauspiel kann das auf CD ziemlich schnell langweilig werden. Deshalb wurden alle Stücke für die CD mehr oder weniger überarbeitet."

Dorninger präsentiert nicht etwa ein chronologisch geordnetes "Best Of", sondern sieben Themenschwerpunkte: Intros; einen Shakespeare-Komplex; Liebe, Lockung, Leidenschaft & Liebesleid; Krieg, Gewalt, NS-Jugendfürsorge; Angst, Verrat & Wahn; einen Schiller-Komplex; Träume, Visionen & Zwischenwelten. Gesprochene Texte, verfasst von Alexandra Rollet (vom Theater Phönix), leiten in die jeweiligen Blöcke ein, um der musikalischen Interpretation gewissermaßen den Boden zu legen.

Ein paar Momente der Idylle und Beschaulichkeit in Form akustischer Naturkulissen und kammermusikalischer Interludien lässt die Musik zu, wo sie sich etwa in die elegischeren und die romantischeren Stellen bei Shakespeare, in Freud und Leid der Liebe oder in Traumwelten einfühlt, aber meistens präsentiert sie sich als Kriegsschauplatz: Da scheinen Rhythmen in Schlaglöcher zu stolpern, brechen sich auftürmende Soundscapes an harschen Dissonanzen, verflachen unvermutet zu trügerischem Säuseln, bahnen sich rapide neue Attacken ihren Weg.

Nie erschien der Jubilar Schiller unruhiger und aufwühlender als in dieser musikalischen Deutung; nicht anschaulicher könnte erlebbar gemacht werden, welches Angst- und Bedrohungspotential in kontemporärer Theaterliteratur steckt. "Grundsätzlich komponiere ich nur Musik für Stücke, die mich überzeugen und wenn das Regiekonzept passt. Können muss ich mit den Leuten auch noch. Im Theater musst du teilen, auf Buch, Dramaturgie, Regie, Bühnenbild und Schauspiel Rücksicht nehmen. Das fordert ungemein, nervt ab und zu und sehr oft öffnen sich ganz neue Welten."

Gegenwärtig arbeitet Wolfgang Dorninger am zweiten Teil einer Trilogie über arachaische, hochentwickelte Wüsten-Zivilisationen, deren Kulturleistungen bis heute nicht erklärt werden können. Diesmal geht es, nach den Hisatsinom in Teil 1, um die Kultur der Nasca (200 v. Chr. bis 600 n. Chr.) im Süden Perus, die in den kargen Boden überdimensionale Zeichnungen eingravierten, die erst aus der Luft besehen die Formen von Tieren, seltsamen Zwitterwesen oder geometrischen Zeichen preisgeben. Im Februar 2006 wird "Nasca, über die Perspektive" in einer multimedialen Inszenierung im Linzer O.K. Zentrum für Gegenwartskunst uraufgeführt. Davor sollen noch eine neue CD und DVD von Wipeout erscheinen.

Wolfgang Dorninger: Theatre Scores Remixed, Base Records




Schlagwörter

Pop-CD

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2005-07-29 16:59:08
Letzte Änderung am 2012-08-06 13:46:34



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Standortwechsel in Schönbrunn
  2. In großen Zügen gepinselt
  3. Sex mit Unterwäsche
  4. Kurzweilige Klangfülle
  5. Selbst ist die Band!
Meistkommentiert
  1. Sex mit Unterwäsche
  2. Pure Sinnlichkeit
  3. Kanadas Klangmagier

Werbung



CD Klassik

CD

Benjamin Appl: Heimat. Sony Classical, 1 CD, ca. 14 Euro. (os) Wer in die Vorarlberger Lied-Mekkas reist, konnte schon Bekanntschaft mit Benjamin Appl schließen. Sonst ist der junge... weiter




CD-Kritik

Wiener Philharmoniker: 175th Anniversary Edition

Wr. Philharmoniker: 175th Anniversary Edition. DG, 44 CD, 1 DVD, ca. 149 Euro. (os) Zum 170. Geburtstag gab es eine Box mit ausschließlich Symphonien aus dem Aufnahmefundus der Deutschen Grammophon... weiter





Pop-CDs

A B C D E F G H I J K L M N O P R S T U V W Z



Werbung