• vom 19.05.1998, 16:26 Uhr

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Update: 30.05.2012, 22:54 Uhr

Musik

Dylan, Bob: Time Out Of Mind




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Von Francesco Campagner

  • Bob Dylan predigt die Todessehnsucht

"I've just reached a place
where the willow don't bend
there's not much more to be said
it's the top of the end
I'm going
I'm going
I'm gone"

("Going Going Gone")


Es hat sich nichts verändert. Bob Dylan, mittlerweile 56 Jahre alt, bleibt der ewig Rastlose. Wer - außer dem Mann aus Duluth - könnte sich sonst auf eine "Never Ending Tour" begeben? Wer könnte sich, nachdem die Weltpresse tagelang in größter Besorgung über Dylans lebensgefährliche Erkrankung berichtet hatte, darüber amüsieren und auf das Musizieren mit Elvis im Himmel freuen? Dylans Ziel ist der Weg, das unbestimmte Herumirren ist sein Dasein, ein futuristischer Hobo in einer "Time Out Of Mind".

Seine 41. Platte, die kürzlich erschien, löste erwartete Jubelstürme aus. Dylan, der seine Fans mit einem infernalischen Produktionsrhythmus bis zu Beginn der 90er Jahre regelrecht überforderte, hat endlich wieder ein Album mit Eigenkompositionen eingespielt. Zwischen "Under The Red Sky" und "Time Out Of Mind" liegen trotzdem noch insgesamt sechs Scheiben: "The Bootleg Series" (3 CD-Box), "Good As I Been To You", "The 30th Anniversary Concert Celebration" (Doppel-CD), "World Gone Wrong", "MTV Unplugged" sowie eine "Greatest Hits". Kein Grund für Dylan-Fans also über mangelnden Platten-Nachschub zu jammern. Trotzdem, nachdem Dylan wie erwähnt im Mai kräftig an der Himmelstüre klopfte, ist die Sehnsucht nach frischen Bob-Songs groß geworden.

Lanois-Sound
Bereits zu Jahresbeginn hatte Dylan "Time Out Of Mind" eingespielt. Als Produzent fungierte Daniel Lanois, jener Mann, der bereits beim grandiosen Album "Oh Mercy" und dem später auf den "Bootleg Series" erschienenem "Series Of Dreams" das Kommando über hatte. Lanois vermag es, den manchesmal spröden Dylan-Songs einen satten, vollen Klang zu geben. Was Phil Spector mit Multiplikation der Instrumente erreichte, schafft Lanois mit der Hervorhebung der einzelnen Klangkörper. Baß, Gitarre und Hammond-Orgel prägen die Songs, das Schlagzeug gibt den Rhythmus äußerst dezent im Hintergrund vor und die Mundharmonika bleibt meist fest in der Lade verschlossen.

Interessant ist an "Time Out Of Mind" die bewußt gewollte Text-Entmystifizierung. Dylan dazu: "It's definitly a performance record instead of a poetic literary type of thing. You can feel it rather than think about it". Dylan, der Kandidat für den Literatur-Nobelpreis, geht auf Distanz zu den Texten. In Wahrheit nichts Neues, denn der einstige Folk-Hero sah sich immer schon mehr als Musiker, obwohl diese Auffassung genau diametral zur allgemeinen Meinung steht.

Poetisch ist "Time Out Of Mind" nicht. Es erwächst eher das Gefühl, Dylan habe Texte von Blues-Traditionals für seine Zwecke zurechtgebogen und sich manchmal zur eigenen Persiflage entschlossen. Etwa in "Highlands", dem Abschlußsong der Platte. Dylan erzählt vom Restaurant-Besuch und der Begegnung mit einer Kellnerin. Ähnlich wie in "Tangled Up In Blue" aus "Blood On The Tracks" entwickelt sich ein Gesprüch. Doch während dort die Dame ein "book of poems...written by an italian poet from the 13th century" überbringt, dreht sich das Gespräch in "Highlands" um "women authors", Grund genug für die Hauptperson still und heimlich das Lokal zu verlassen.

"Highlands" ist durch seine Länge jener Song, der Dylan-Exegeten am meisten beschäftigt. Bereits jetzt haben sich zwei Auslegungstheorien entwickelt. Die eine nimmt die von Dylan herbeigesehnte Landschaft "Highlands" wörtlich, der Altmeister wünscht wirklich dort seine Ruhe zu finden, "where the Aberdeen waters flow". Die zweite Gruppe sieht in den "Highlands" das Paradies. Diese Auslegung ist fundiert, denn wer sich ein wenig mit Dylan beschäftigt hat, weiß, daß "His Bobness", wie ihn Neil Young nannte, gewisse Themen immer wieder aufbereitet. Das Leitmotiv von "Highlands", die Sehnsucht nach einem Ort des inneren Friedens, ist schon seit etlichen Jahren Dylans Lieblingsthema. Der Tod beschäftigt Dylan immer stärker. In "Wanted Man - In Search Of Bob Dylan" - eine Zusammenstellung von Artikeln, die in "The Telegraph" (Dylan-Fanzine und unerschöpfliche Fundgrube aller Journalisten) erschienen sind - beleuchtet Paul Williams Dylans Verhältnis zum Tod. Williams gelingt es, die immer wiederkehrenden Motive deutlich zu machen. In selbstgeschriebenen Songs sowie Cover-Versionen, die Dylan bei Konzerten in letzter Zeit singt, kommt immer wieder das Bild des Flusses oder der Grenze zum Vorschein, die man überqueren muß, um an den Ort der Verheißung zu gelangen. In "Highlands" kann man genug solcher Anspielungen finden.

Gleichzeitig erlaubt sich der Altmeister aber zwischendurch auch kleine Scherze:

"I'm listening to Neil Young, I gotta turn up the sound / Someone's always yellin' "Turn it down" / Feel like I'm driftin', driftin' from scene to scene / I'm wonderin' what in the devil could it all possibly mean".

Lanois hat die treffenden Worte zu "Time Out Of Mind" gefunden: "It's a most serious work, but not without its landscapes of underlying humor".

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Schlagwörter

Musik, Pop, Bob Dylan, Pop-CD

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 1998-05-19 16:26:58
Letzte ─nderung am 2012-05-30 22:54:05


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