Es wäre einmal die elf LPs lange Mühe wert, zu recherchieren, was der längste Magnetic Fields-Song ist und wie lange er wirklich dauert. Denn während MF-Kopf Stephin Merritt in Neben-Projekten durchaus "Ewigkeiten" beansprucht - in einem Stück seiner Neben-Formation The 6ths verschleißt allein ein praktisch unvariierter Synthesizer-Loop 25 Minuten -, wirkt bei seiner Haupt-Band alles jenseits von drei Minuten schon recht ausgedehnt. Auf dem aktuellen Album, "Love At The Bottom Of The Sea", sind zweieinhalb Minuten das Höchste der Gefühle, weshalb die Platte mit 15 Songs gerade einmal die 30 Minuten-Grenze überschreitet.
Wie allenthalben nachzulesen ist, reicht das den meisten Rezensenten auch. Seit ihrem Opus Magnum "69 Love Songs" können es die Magnetic Fields praktisch niemandem mehr recht machen. Der 3-CD-Zyklus über Liebeslieder (und nicht, wie gemeinhin angenommen, über Liebe) hatte so verschwenderisch viel von allem - stilistische Reichweite, Drama, Hingabe, Freude, Trauer, Verschlagenheit -, dass alles Nachfolgende sich in irgendeiner Hinsicht mickrig ausnehmen musste.
Dabei war das Gefälle meist wirklich nur quantitativer Natur: Der "69 Love Songs"-Nachfolger "i" war nicht weniger als eine herrliche überspannte Mini-Operette von klassizistischer Grandezza.
Mit "i" begann auch die Trilogie der synthesizerlosen MF-Platten. Das war nicht nur insofern bemerkenswert, als die Magnetic Fields in den 90er Jahren den stockkonservativen amerikanischen Pop intelligent an die elek-tronische Modernität herangeführt hatten, sondern im gegenständlichen Fall auch deswegen, weil sich Stücke wie "I Thought You Were My Boyfriend" just wie astreine Synti-Pop-Hymnen anhörten. Es folgten "Distortion", ein Fest der verzerrten Gitarren, und "Realism", eine Art Hommage an die Folklore aus vieler Herren Länder.
Und nun fährt Merritt also wieder mit Synthesizern auf, die, wie kaum ein Kritiker zu bemerken unterlassen konnte, so retro klingen, als befänden wir uns irgendwo in den frühen 80ern. Natürlich ist "Love At The Bottom Of The Sea" Lichtjahre davon entfernt, ein Aufguss irgendwelcher hergebrachten Idiome zu sein. Allerdings fällt auf, dass Merritt seit "Distortion", das er expressis verbis als Referenz an The Jesus & Mary Chain verstanden haben wollte, gerne Zitate als Stilmittel aufgreift. In "Love At The Bottom Of The Sea" klingt nun tatsächlich eine gewisse Affinität zu Disco aus der New Wave-Ära durch. Was die Platte aber vor allem auffrischt, ist ein kräftiges psychedelisches Lüfterl, das die üblicherweise matt kolorierte Musik mit einigen leuchtenden Farbtupfern besprengelt.
Der einzige ernsthafte Kritikpunkt: Nur ein Song, "I Dont Like Your Tone", hat das weltmeisterliche Format von "Born On A Train", "Aging Spinsters", "Save A Secret" oder "My Only Friend". Der Rest ist "nur" gut, manchmal gar Durchschnitt; dazu wird stellenweise gefährlich mit Klischees hantiert, wie etwa in "All She Cares About Is Mariachi".
Genial sind allerdings die Texte und ihre formale Rahmung. Diese Liebe auf dem Meeresgrund birgt Merritts bis dato überzeugend-sten Geschichtenzyklus. Sein Inhalt: Liebe, die sich in Hass verwandelt hat, oder aus anderen Gründen nicht funktioniert.
Dramaturgisch hat Stephin Merritt insofern Ordnung gemacht, als er Shirley Simms alle Songs mit heterosexuellem Kontext singen lässt. Das macht ungefähr die Hälfte des Repertoires aus und ist voller Bosheit und spielerischer Absurdität, wie etwa in "Im Going Anywhere With Hugh", das von einem unerfüllten Liebes-Reigen handelt und sich dabei die Tücken der Phonetik - "Hugh" klingt wie "you" - zunutze macht: "I love Hugh and Hugh loves you / you love me, and he does not / I dont love you, you dont love Hugh / what a sad gavotte."
Merritt selbst übernimmt die schwulen Inhalte und findet en passant Gelegenheit, im gleichen Moment der Schickeria in die Unterwäsche zu schauen und die Werbewirtschaft zu verarschen: "Go ahead and hire Saatchi & Saatchi / to advertise the sausage in your pants".
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