• vom 13.04.2012, 18:49 Uhr

CDs

Update: 14.04.2012, 17:20 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Jason Pierce: Der Gospel des Gezeichneten


Von Andreas Rauschal

  • Jason Pierce kehrt mit seinem Lebensprojekt Spiritualized zurück.

"Help me Lord, help me Jesus": Jason Pierce veröffentlicht sein siebentes Album als Spiritualized.

"Help me Lord, help me Jesus": Jason Pierce veröffentlicht sein siebentes Album als Spiritualized.

Wien. Das Motto seiner Karriere sowie seine generelle Lebenseinstellung brachte Jason Pierce einst mit dem Titel einer Zusammenstellung auf den Punkt: "Taking drugs to make music to take drugs to" erklärte das psychedelische Wesen seiner Band Spacemen 3 ebenso treffend wie Songs und Alben von "Losing Touch With My Mind" über "Come Down Easy" bis hin zu "The Perfect Prescription".

Werbung

Während der heroinabhängige Brite bald als nächster Rock-’n’-Roll-Toter gehandelt wurde und Spacemen 3 nicht zuletzt nach internen Spannungen das Zeitliche segneten, ließ sich der heute 46-Jährige aber nicht unterkriegen und brachte den verdrogten Gestus seines Tuns mit dem bis heute als Mastermind und einziges fixes Mitglied betriebenen Herzensprojekt Spiritualized auf eine neue Ebene. Zu krachenden Garagengitarren aus der Schule von Velvet Underground und überlebensgroßen Walls Of Sound sollte es darum gehen, "weiße" Rock-Spielarten mit "schwarzem" Gospel aufzuladen. Der dabei zwischen Genie und Wahnsinn pendelnde Entwurf gipfelte 2001 im wunderbaren Album "Let It Come Down", auf dem Pierce seine Befreiungstexte symphonisch befeuerte und unter Mithilfe von 115 Musikern in den Himmel richtete.

Rock-’n’-Roll-Hommage
Nach einer beinahe tödlich verlaufenen Lungenentzündung gilt der Musiker seit 2005 zwar erstmals als drogenfrei. Eine kurz vor den Aufnahmen zum nun vorliegenden, siebten Studiowerk "Sweet Heart Sweet Light" diagnostizierte Leberkrankheit allerdings zwang den Sänger erneut zu schwerer Medikamentation. Mit den davon vor allem auf der Textebene geprägten Songs wollte Pierce aktuellen Interviews zufolge "etwas machen, das alles zusammenfasst, was ich am Rock’n’ Roll liebe."

Erlösungsgesänge
Nach einem zarten Streicherintro geht es mit der neunminütigen Singleauskopplung "Hey Jane" folgerichtig auf Basis klassischer Velvet-Underground-Gitarren in die Vollen. Während der Song im zweiten Teil mit einem Krautrockbeat und John-Cale-gleichem Bratschengeschwurbel in Richtung Gospel aufbricht, erinnern die ihr Grundmotiv maximal wiederholenden Stücke wie das von Free-Jazz-Bläsern befeuerte "I Am What I Am" bald aber an ein anderes Motto aus alten Tagen: "Drei Akkorde sind gut, zwei Akkorde sind besser - ein Akkord ist das Beste!"

Die Ausschmückung der Leerstellen mag vormals monumentaler gewesen sein - aktuell wollte Pierce seine zeitgenössische Version eines "Pop-Albums" einspielen -, und so ist es vor allem das klassische Songwriting dazwischen, das die Grandezza von einst aufblitzen lässt. Nach dem hübschen wie hübsch-soullastigen "Little Girl" macht Pierce vor allem bei zwei Songs alles richtig. Der Country-Walzer "Too Late" berührt als unbedingtes Bekenntnis zur Liebe im Wissen um die Verletzungen, die damit einhergehen, ebenso wie das in sich versunkene "Life Is A Problem", das als letztes Gnadengesuch eines vom Leben Gezeichneten einmal mehr auf den Walzertakt baut: "Jesus please be my automobile/Won’t get to heaven unless God’s at the wheel/Send me your chauffeur, I will get in/Jesus please drive me away from my sin."

Mit dem stilistischen Brückenschlag des Finalsongs vom todtraurigen Tränendrücker hin zu satten Britpopreferenzen und den Erlösungsgesängen eines Befreiungschors, fährt Pierce am Ende noch einmal schweres Geschütz auf. Und er verabschiedet sich standesgemäß mit großen, letzten Worten. Sie lauten: "So long, you pretty thing!"

Spiritualized: "Sweet Heart Sweet Light" (Domino Records/GoodToGo)


Video auf YouTube





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-13 15:56:03
Letzte Änderung am 2012-04-14 17:20:52


Beliebte Inhalte



Jon Bon Jovi stand glücklich im Regen. - APAweb/Herbert Pfarrhofer
  • Pollen konnten dem Sänger diesmal nichts anhaben.
  • weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Am 22. Mai jährt sich der Geburtstag von Richard Wagner zum 200. Mal. Hier die Büste von Arno Breker in der Nähe des Festspielhauses in Bayreuth. - Foto: epa/Daniel Karmann
  • Auseinandersetzung mit Themen wie Individualismus, Außenseitertum und Aufarbeitung von Geschichte.
  • weiter

Gedrosseltes Tempo, gedimmtes Licht: The National mit Sänger Matt Berninger (Mitte). - Foto: Deirdre O’Callaghan
  • "Trouble Will Find Me": Matt Berninger und The National erweisen sich mit ihrem neuen Album einmal mehr als Chronisten einer schattseitigen Gefühlswelt.
  • weiter

Tomasz Konieczny (Wotan) - (c) Wiener Staatsoper / Michael Pöhn Natürlich kann man weiterhin über die Tier-Attrappen motzen: So malerisch sie auf der Staatsopernbühne auch gruppiert sind...weiter

Nachdem sich mehrere Zuschauer, von den drastischen Bühnenvorgängen geschockt, sogar in ärztliche Behandlung begeben hatten, ersuchte Meyer den Regisseur, seine Inszenierung zu modifizieren. Kosminski lehnte ab. - Foto: APAweb/Deutsche Oper am Rhein
  • Bühnenvereins-Präsident Zehelein kritisiert scharf die Düsseldorfer Oper.
  • weiter

Elena Zhidkova (Venus) und Daniel Frank (Tannhäuser) in der umstrittenen Inszenierung von "Tannhäuser" in Düsseldorf. - Hans Jörg Michel / Deutsche Oper am Rhein
  • Empörung bei vielen Zuschauern.
  • weiter

Musik-Dandy und Begründer des Glam-Rock: Marc Bolan. - Universal
  • Wie mit bekannten Namen Geld gemacht wird
  • weiter

Eine Szene aus der umstrittenen "Tannhäuser"-Inszenierung der Rheinoper (Markus Eiche, linkst, als Wolfram und  Elisabet Strid als Elisabeth). - APAweb / AP, Deutsche Oper am Rhein, Hans Jörg Michel
  • Oper wird nur mehr konzertant aufgeführt.
  • weiter

An den Namen Brosd Koal erinnert man sich noch über die FM4-Sendung "Im Sumpf". Nachdem mit Karl Schwamberger der Motor hinter dem Dialekt-Pop-Projekt...weiter



Werbung




Hoch sollen sie leben

30 Jahre Concilium musicum

Haydn u. a.: 30 Jahre Concilium musicum Gramola, 1 CD, ca. 18 Euro (dawa) 30 Jahre Originalklang mit dem Concilium musicum Wien, wenn das kein Grund zum Feiern ist. Kapellmeister, Komponist und Radiolegende Paul... weiter




Die Quintessenz des Klaviers

Jarnach, Lucy: Ravel, Jarnach, Bartok. Im Freien

Ravel, Jarnach, Bartok Im Freien AVI, 1 CD ca. 19 Euro (eb) Alles entweder stromlinienförmig oder absichtsvoll-justament-anders, was die jungen Pianisten von sich geben? Ja, gewiss... weiter




Keine armselige Kleinigkeit

G. Rossini: Petite Messe solennelle

G. Rossini: Petite Messe solennelle EMI, 2 CD ca. 18 Euro (dawa) Als wär’s seine letzte Oper. Sehr persönlich, aber fast schon naturgemäß bühnenreif begegnet den Hörern Rossinis späte "Petite" Messe... weiter



Jahreswertung der WZ-Musikkritiker

Die besten Pop & Jazz - Alben 2012

Wieder ganz oben am Siegertreppchen: die Vier von Grizzly Bear. - Foto: Archiv Andere Herkunftssprachen als Englisch kamen für die "extra"-Popkritiker heuer kaum in Frage, wie vor allem die Gesamtwertung zeigt... weiter




Werbung