
"Wenn Sonic Youth Velvet Underground sind, dann ist Lee Ranaldo ihr John Cale", schrieb der "Chelsea Chronicle" 1989, als Sonic Youth mit dem Doppel-Album "Daydream Nation" im Tourgebäck in der überfüllten Arena auftraten.
Der heroische Vergleich ermangelt allerdings schlüssiger Legitimation: Ranaldo stand, anders bei Velvet Underground der avantgardistisch geschulte Cale zum Text-versessenen Sänger/Komponisten Lou Reed, nie zum Rest der Band oder gar zu deren künstlerischer Marschroute in einem wie auch immer gearteten Spannungsverhältnis. Vielmehr agiert der heute 56-jährige, frühzeitig ergraute und etwas verlebt aussehende New Yorker in der öffentlichen Wahrnehmung einfach ein wenig im Schatten der Offensiv-Achse Kim Gordon - Thurston Moore (die bis vor kurzem auch ein Paar gewesen sind).
Es ist eher Spezialisten vorbehalten, Lee Ranaldos Beitrag zu Sonic Youth angemessen zu würdigen: Er pflegt von den beiden Gitarristen das (noch) etwas kühnere Spiel, und seine ein, höchstens zwei Kompositionen pro Platte gehören meistens zu deren Highlights wie "Erics Trip" und "Hey Joni" auf "Daydream Nation", oder "Mote" als überhaupt bester Song auf dem mehr kommerziell als künstlerisch erfolgreichen Major-Debüt "Goo". Wenn bei Sonic Youth auf der einen Seite Moore die größtmögliche Annäherung an Pop verkörpert, so steht Ranaldo für die Entgrenzung.
Solo-Efforts schienen diesen Eindruck bisher weitgehend zu untermauern. Während Thurston Moore dem Format Rock etwas Essenz abzukratzen trachtete, suchte Ranaldo mit Noise-Schleifen, Improvisationen und Spoken-Word-Performances seine Spielwiese jenseits der Wege hörerfreundlicher Transporter wie Melodie und Standard-Rhythmen.
Neuerdings haben sich die Relationen etwas verschoben: Moore verlegt sich - um den Preis, manchmal gefährlich nahe an New Age-Gedudel und -Gefasel anzustreifen - begleitet von Violine und Harfe konsequent auf das akustische Format zu. Demgegenüber scheint sich Ranaldo mit Erleichterung die Fesseln des Nonkonformismus abgestreift zu haben: Sein Album "Between The Times And The Tides" atmet einerseits hörbar Spielfreude und orientiert sich andererseits sorglos an einer Rock-Tradition mehr oder weniger konventionellen, bisweilen gar mainstreamigen Zuschnitts, auf die sich bereits Heerscharen aus der Grunge-Liga im Gefolge des Nirvana-Hypes gestützt haben.
Gleich der erste Song, "Waiting On A Dream", dessen Intro jenes des Stones-Evergreens "Paint It Black" paraphrasiert, darf als eine Art Fingerzeig verstanden werden. In der Folge wird getan, was Sonic Youth bei all den dramatischen Zuspitzungen, Aus- und Aufbrüchen in ihrer Musik nie gemacht haben, nämlich Schicht um Schicht aufgetürmt: Mehrere Lagen Gitarren - akustische, elektrische, rhythmische, leitmotivische, ländliche, urbane, schwerfällige, quirlige - und Keyboards beladen und beschweren den Sound bis zur Manöverierunfähigkeit.
Das ist das genaue Gegenteil von Druck und Dynamik und geht eine unheilvolle Symbiose mit dem mäßigen Songmaterial ein. So sind die paar besseren Titel, das suggestive "Xtina As I Knew Her" und das halbakustische "Hammer Blows", auch die einzigen halbwegs agilen. Als nachhelfende Erinnerung, es hier grundsätzlich mit einem Großen zu tun zu haben, bleiben Ranaldos sonore Stimme und der eine oder andere interessante Text: "Today is left for dumb / and tomorrow never comes."
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