
Wie in jeder Wirtschaft gibt es auch in der Ökonomie der Aufmerksamkeit das Problem der Ungleichverteilung - und somit der Ungerechtigkeit. Aufmerksamkeitskapital - Prestige, Prominenz oder Starruhm genannt - ist ungleich verteilt, auch im Popgeschäft, wo es besonders oft die Falschen trifft. So wie etwa derzeit, wenn einem bestenfalls durchschnittlichen Album, wie Norah Jones "Little Broken Hearts", so viel mehr an Aufmerksamkeit gewidmet wird als einem wirklich exzellenten Werk, wie "Adventures In Your Own Backyard" des Kanadiers Patrick Watson.
Freilich, das muss man zugeben, hält sich die Aufmerksamkeitsökonomie weitgehend an realwirtschaftliche Verhältnisse - immerhin hat Norah Jones bisher 25 Millionen Alben verkauft. Trotzdem drehen wir hier einmal den Spieß um, handeln die Vielbeachtete kurz ab, und widmen uns dann ausführlich dem Engel im Schatten.
Das Besondere am neuen, sechsten Vollalbum von Norah Jones - und das wurde ja bereits im Vorfeld breitgetreten - ist ihr Wechsel vom Smooth-Jazz und -Soul ins Popfach, und zwar an der Hand des Produzenten und Co-Songwriters Brian Burton alias Danger Mouse (bekannt unter u.a. für sein "Grey Album" und die Hybridformation "Gnarls Barkley"). Er, den Jones von dessen Italo-Western-Melange "Rome" kennt, bei welchem Projekt sie als Sängerin mit dabei war, stellt sie in etwas spannendere und farbenfrohere Kulissen.
Nur, was nützt das, wenn die - vor allem am Cover - auf grell und verrucht geschminkte Sängerin darin blass, rehäugig und unbeweglich herumsteht. Da kann es um sie herum noch so verheißungsvoll knarzen, knistern, zirpen und echohallen - sie selbst bleibt langweilig und uninspiriert wie eh und je, leiert jeden Anflug von pophymnischem Temperament zu einer faden Ballade herunter, verhaucht jede griffigere Passage ins Ungefähre. Das klingt in einigen Fällen so nett und unverbindlich, wie all ihre bisherigen Hervorbringungen, aber mitunter nicht einmal das.
Mit wie viel mehr Verve, Charisma und Inspiration geht da der - so wie Norah Jones - 1979 in den USA geborene, allerdings in Quebec aufgewachsene Patrick Watson zu Werke. Auch bei ihm spielen cinematografische Sounds eine große Rolle - nur steht er mittendrinnen, nicht irgendwo am Rande.
Schon "Lighthouse", die Eröffnungsnummer auf Watsons neuem, fünftem Album, zeigt all seine inszenatorischen Vorzüge: Zuerst turnt ein klassisches Piano eine chromatische Tonleiter hinauf und hinunter, bevor Watsons hohe, zum Himmel emporstrebende Stimme erklingt und ein sich allmählich steigerndes Crescendo aus Spaghettiwestern-Gitarren, unheilvollen Streichern und Marriachi-Trompeten entfacht wird, das diesen Prärie-Song majestätisch in den Sonnenuntergang geleitet.
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