Wien. Als Motivationsgrund, sich als Mann der Kultur hinzugeben, war das Buhlen um weibliche Aufmerksamkeit noch nie zu unterschätzen. Zwar können auch knüppelharte Muskelmänner oder die Gummigeber vom Wörthersee darauf hoffen, als verhaltenskreativ und daher interessant durchzugehen. Der leidende Künstler hingegen wird in besseren Hotels spannenderen Frauen begegnen - und, wenn man David Lynch Glauben schenkt, jene (Mitleids-)Instinkte wecken, derentwegen er nach dem Beischlaf bald auch angemessen bekocht werden sollte.

Diesbezüglich also hat Maximilian Hecker zeit seiner mittlerweile elfjährigen Karriere alles richtig gemacht. Schließlich gilt der Mann als Vorreiter dessen, was seit einigen Jahren in Form betrübter Singer/Songwriter aus dem Radio schluchzt. Die Betonung des eigenen Gefühlshaushalts und das Eingeständnis, verletzlich zu sein, gründet bei Hecker auf einem romantisierten Leidensbegriff, der sein Heil im wunschlosen Unglück sucht.
Weltberühmt in Asien
Sein konsequentes Sich-Abarbeiten an diesem Topos mag in seiner Heimat publikumsseitig zu einer gewissen Ermüdung geführt haben. Nach kommerziell erfolgreichen Anfängen und entsprechendem Rauschen im internationalen Blätterwald, einer Tour im Vorprogramm von Chan Marshall alias Cat Power und der baldigen Zusammenarbeit mit renommierten Produzenten wurde es um den Wahlberliner zwar am Prenzlauer Berg etwas ruhiger. Dank lukrativer Distributionsdeals und ausgedehnter Konzertreisen galt der ehemalige Straßenmusiker aber bald als weltberühmt in Asien. Dass China, Südkorea und mittlerweile auch Malaysia zu Hauptmärkten wurden, hat mit der Anziehungskraft blonder Männer auf hiesige Frauen nur am Rande zu tun. Der emotional ohnehin und nun auch noch zwischen zwei Kulturen verlorene Sänger darf heute dennoch über seine mindestens schicksalsträchtige Begegnung mit einer Prostituierten in Tokio erzählen, an der es nur zu bedauern gilt, dass Wong Kar-Wai sich wegen der möglichen Filmrechte noch nicht gemeldet hat. Man merkt es schon: Ob man Heckers Weltschmerz nun ernst nimmt oder ihn als Einserschmäh abstempelt, ist ebenso unerheblich wie die Frage, ob seine öffentlich breitgetretene Versagensangst nicht eher als Größenwahn lesbar ist. Noch ehe Anfang August die autobiografische Erzählung "The Rise And Fall Of Maximilian Hecker"(Schwarzkopf& Schwarzkopf) veröffentlicht wird, antwortetder35-Jährige ohnehin mit zwölfebenso neuen wie abermals ihnselbst umkreisenden Liedern.
Licht ins Dunkel
Auf dem Cover des programmatisch "Mirage Of Bliss" ("Der Schein der Glückseligkeit") betitelten Albums, das heute, Freitag, erscheint, blickt Hecker mit glasigen Augen verloren ins Nichts. Entsprechend gelitten wird in den Midtemposongs, die im Gegensatz zur Krisenbewältigungsarbeit "I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son"aus 2010 zwischendurch aber auch ein klein wenig Licht in den Hallraumlassen.Dasses sich dabei nur um in bester Kuschelrockstimmung geschwungene Feuerzeugflammen handelt, bekundet der mit Schlagzeug, Klavier, akustischen Gitarren und Keyboardstreichern instrumentierte Radiopop des Albums, der Heckers Kunst ebenso zur Meisterschaft führt wie sein Klavierspiel, das bisweilen an die Merci-Werbung erinnert.
Der generell äußerst besinnliche Einschlag der Songs lässt übrigens bis zum Ende vermuten, dass Peter Rapp bald vorbeikommt, tatsächlich Licht ins Dunkel zu bringen. Leider aber gibt es auch diesmal kein Happyend: Tausend Tränen tief.
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