So wie die Rockmusik selbst, die ihren regelmäßig ausgerufenen Tod stur ignoriert, tauchen einige ihrer formalen Signifikanten in immer neuen Reinkarnationen wieder auf. Zu ihnen zählt die archetypische Dichotomie Sänger/Gitarrist. Seit Mick Jagger und Keith Richards bildet sich in Bands eine Achse um die Rampensau am Mikro und einen mehr oder weniger coolen Hexenmeister an den Saiten: Robert Plant/Jimmy Page bei Led Zeppelin; David Lee Roth/Eddie Van Halen bei Van Halen; Steven Tyler/Joe Perry bei Aerosmith; Bono/The Edge bei U2; Ian Astbury/Billy Duffy bei The Cult. Ian McCulloch/Will Seargent bei Echo And The Bunnymen; Morrissey/Johnny Marr bei den Smiths; Brett Anderson/Bernard Butler bei Suede; Axl Rose/Slash bei GunsnRoses. Und eben Damon Albarn/Graham Coxon bei Blur.
So sicher, wie diese Konstellation auf Kosten der restlichen Band-Mitglieder die öffentliche Aufmerksamkeit zu absorbieren pflegt, wird sie im Regelfall einem heftigen Spannungstest unterzogen: Mit der Unvermeidlichkeit einer griechischen Schicksalstragödie scheinen Sänger und Gitarrist dazu bestimmt, sich irgendwann mächtig in die Haare zu geraten. Überwältigender gegenseitiger Überdruss und Eifersüchteleien um Publicity-Anteile vergiften die Atmosphäre auf der menschlichen Ebene; in kreativer Hinsicht tun das divergierende Vorstellungen über die Marschrichtung. Das Klischee sieht dabei den Sänger eher in der Rolle des ambitiösen Artisten - und den Gitarristen in jener des "unprätentiösen", bodenständigen Rock-Animal.
Prototyp des "Nerds"
Wenn man die aktuellen Solo-Veröffentlichungen von Damon Albarn und Graham Coxon vergleicht, so scheinen sie dieses Klischee in einer fast schon an Parodie grenzenden Drastik zu zementieren: Hier höllisch heruntergebretterter Krach (Coxon) - dort große Oper (Albarn).
In Wahrheit ist dieser Antagonismus natürlich nur ein Zeitdokument, das die musikalischen Umlaufbahnen der Akteure gerade in maximaler gegenseitiger Entfernung einfängt. Menschlich haben sie sich, nachdem Coxon 2002 hauptsächlich auf Betreiben Albarns Blur verlassen musste und im Zuge dessen auch die Band den Spielbetrieb eingestellt hatte, ja längst wieder so weit angenähert, dass sie seit 2009 sporadisch für Blur-Reunionkonzerte gemeinsam auf die Bühne gehen - und das auch im heurigen Sommer tun werden (leider nicht in unseren Breiten).
Graham Coxon ist indes imagemäßig ein Sonderfall unter den großen Rock-Gitarristen. Als Blur in den frühen 90ern in England durchstarteten und (wenn auch nicht ganz zu ihrer Freude) als Protagonisten des sogenannten Britpop abgefeiert wurden, gab er, angetan mit Krankenkassen-Brille und seine Unsicherheit im Alkohol ertränkend, den Prototyp des Nerds: des linkischen, leicht soziopathischen Schüchtis.
Obwohl er sich früh der Anerkennung von Branchenkollegen wie Radioheads Johnny Greenwood (mit dem sein Gitarrenspiel am ehesten verglichen werden kann) oder Noel Gallagher von Blurs Marktkonkurrenten Oasis erfreute, schien er sich am liebsten unsichtbar zu machen. Bei manchen Videos verweigerte er sogar die Teilnahme. Einen Alkohol-Entzug, ein Re-Styling mit ansehnlicherem Brillenmodell und eine respektable Solo-Karriere später gibt es für Coxon kein Verstecken mehr.
"A+E" ist sein bereits achtes Album unter eigenem Namen. Lange nicht mehr hat eine Platte so viel Spaß gemacht wie diese. Kleinlich könnte man ihr das stellenweise etwas gar karg ausgefallene Songwriting ankreiden. Das ist zwar bei Coxon an sich keine lässliche Sünde, kennt man ihn doch durch Blurs "Coffee & TV" und seine Alleingänge als begabten Autor, der etwa einem Lou Barlow kaum nachsteht. Die kompositorische Reduktionskost von "A+E" entspringt allerdings auch keinswegs genuinem Unvermögen: Ein Song wie "City Hall", der mit minimalen Textvariationen auf einem repetitiven Grundmotiv dahinschlingert, zeigt sehr deutlich, dass hier andere Prämissen geltend waren als beim melodieseligen Psycho-Folk von Coxons letztem Solo-Album, "The Spinning Top".
Coxon feuert, entfernte Assoziationen zu Jon Spencer oder die Stooges wachrufend, buchstäblich aus allen Rohren. Öfters einmal, wie im erwähnten "City Hall" oder "Seven Naked Valleys", einem der wenigen melodisch etwas stärker akzentuierten Songs, scheinen Rückkoppelungen und Sound-Effekte rätselhafter Herkunft dreidimensional durch den Raum zu jagen. Neben den wilden Gitarren sorgt ein herrlich primitives Saxofon im wahrsten Wortsinn für Furore. Überschwang wird auch in den Texten gesucht, aber nicht immer gefunden. Die Konsequenz ist oft genug Frust - der sich wiederum, von eher lakonischem Gesang kontrastiert, in besonderen Lärmeruptionen entlädt.
Damon Albarn dagegen sucht auf "Dr. Dee" die Besinnung - und findet sie in ländlicher Umgebung. Am Anfang ist Vogelgezwitscher, am Ende ebenfalls. "Dr. Dee" ist, wie schon erwähnt, eine Oper. Die Geschichte zentriert sich um den englischen Mathematiker John Dee (1527-1608), der Berater von Königin Elizabeth I., Astromon und Okkultist war und versuchte, mit den Engeln zu kommunizieren - in seiner Vielseitigkeit also ein recht passendes Vorbild für den heute 44-jährigen Albarn, der sich neben und nach seinen Aktivitäten für Blur an vielen verschiedenen Herausforderungen versucht hat: Einer dichten Mischung aus HipHop, Pop, Elektronik und Poly-Rhythmik mit den sensationell erfolgreichen Gorillaz; an Filmmusik und im All-Star-Ensemble The Good, The Bad And The Queen an einer Symbiose aus starkem Pop und Einflüssen nigerianischer Musik. All diese Projekte ummantelten letztlich in unterschiedlichem Zuschnitt Albarns Meisterschaft in der großen Ballade. Man könnte meinen, dass er dafür mit "Dr. Dee" einen weniger weiten Umweg hätte gehen müssen.
(dawa) 30 Jahre Originalklang mit dem Concilium musicum Wien, wenn das kein Grund zum Feiern ist. Kapellmeister, Komponist und Radiolegende Paul...
weiter
(eb) Alles entweder stromlinienförmig oder absichtsvoll-justament-anders, was die jungen Pianisten von sich geben? Ja, gewiss...
weiter
(dawa) Als wärs seine letzte Oper. Sehr persönlich, aber fast schon naturgemäß bühnenreif begegnet den Hörern Rossinis späte "Petite" Messe...
weiter
Andere Herkunftssprachen als Englisch kamen für die "extra"-Popkritiker heuer kaum in Frage, wie vor allem die Gesamtwertung zeigt...
weiter