Als 2010, zum 25-jährigen Bestehen von Giant Sand, das Album "Blurry Blue Mountain" erschien, hatte man als Freund dieser Band und vor allem ihres Leaders Howe Gelb schon längst aufgehört mitzuzählen. Es war jedenfalls mindestens das gefühlt fünfzigste Album aus der Wüste Arizonas, und entsprechend verbreitete "Blurry Blue Mountain" eine seltsam beschwingte Dösigkeit, die in deutlichem Kontrast zu den Alben der Frühzeit stand.

Diese wurden anlässlich des Jubiläums noch einmal neu und remastered aufgelegt, und bei diesem Blick in die Vergangenheit staunte man dann doch ein wenig ob der grunge- und rocklastigen Anfänge von "Valley of Rain" (1985) bis "Glum" (1994), die man fast schon vergessen hatte. Ganz am Anfang aber, 1980, standen die "Giant Sandworms". Ein paar Jahre später waren die Würmer dann verschwunden, und übrig blieb, was bis heute als Keimzelle des hochproduktiven musikalischen Kosmos namens Tucson, Arizona, gelten kann: Giant Sand.
Fließende Strukturen
Wobei: Geblieben ist eigentlich nur ein Mann, nämlich Howe Gelb, und Giant Sand ist schon seit längerem keine Band mehr mit fester Besetzung, sondern, wie Gelb es nennt, eine "mood", eine Stimmung oder Laune. Rainer Ptacek, der 1997 verstorbene Großmeister der National Steel Guitar, gehörte einst ebenso dazu wie Joey Burns und John Convertino, die später Calexico gründeten und kommerziell um Längen erfolgreicher wurden, als es ihr "Lehrmeister" bis heute je war. Doch seit einigen Jahren, genauer, seit "Is All Over The Map" (2004), scheinen sich die Bandstrukturen wieder ein wenig zu verfestigen, interessanterweise mit Musikern aus Dänemark, wo Gelb einige Zeit lebte.
Am künstlerischen Grundprinzip und Selbstverständnis des Ausnahmemusikers mit dem grauen Ziegenbart und der eher mäßigen Stimme hat sich in diesen mehr als 25 Jahren jedenfalls wenig verändert. Als zentrales Merkmal des "Tucson-Sound" bezeichnet Gelb das Mäandernde (und sich selbst charakterisiert er entsprechend als "Mäanderthaler"). Und das trifft das Ganze deutlich besser als die inzwischen etwas abgenutzte Formel vom "Wüstenrock". Es gilt sowohl für die Struktur der einzelnen Songs als auch für die verschiedenen Richtungen, in die sich Gelbs Schaffen insbesondere seit der Jahrtausendwende entwickelt.
Zu den Rockelementen sind seither zahlreiche andere Stilarten hinzugekommen: Country, Jazz, Gospel, Mariachi. Eines seiner Soloalben - "Sno Angel Like You" (2006) - hat Gelb sogar vollständig mit einem Gospelchor eingespielt. Und auf "Alegrías" (2011) flirtet er heftig mit dem Flamenco. Gelb, inzwischen 55, war jedenfalls nie um eine Überraschung verlegen - und als eine solche darf man getrost auch das 2012er-Werk bezeichnen.
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