"You dont have to pray for beautiful skin / when you live in a black coffin". Allein der cool heruntergebretterte Zwei-Minuten-Reißer "Black Coffin" sichert The Fresh And Onlys ein für alle Mal eine Ausnahmeposition in der Flut des kontemporären Indie-Pop. Ein Lied wie ein schneller, harter Schlag: lakonisch, umstandslos, atemberaubend.
"Black Coffin" war der Opener von "Grey Eyed Girls", dem 2009 veröffentlichten zweiten Album der Band nach dem im Jahr davor erschienenen selbstbetitelten Debüt. Dieser Tage kommt ihr bereits viertes Album "Long Slow Dance" und löst alle Versprechen ein, die The Fresh & Onlys in ihrer Anfangsphase gegeben haben.
Naturgemäß hat sich das punkige Ungestüm von seinerzeit abgeschliffen, dafür blüht die Musik in sonst selten gehörtem Nuancenreichtum und besticht durch intelligente Arrangements mit exzellentem Gefühl für Song-Dramaturgie und -ökonomie.
Stilistisch bewegt sich das Quartett aus San Francisco heute auf sicheren Pfaden. Ihr melodiöser, von quirligen, eleganten, graziösen, rhythmussicheren Gitarren, sonorem Gesang zwischen Introspektive und Exaltation und stimmigen background vocals getriebener Pop-Rock folgt grundsätzlich der bewährten Indie-Schule. Das Privileg des aufmerksamen Zuhörens dankt er allerdings mit Echos von Großen und Allergrößten. Da werden etwa hin und wieder Erinnerungen an die Feelies wach - nicht nur wegen der umtriebigen Gitarren, sondern auch weil Tim Cohens Gesang in ruhigeren Lagen dem fast tonlosen Gebrummel Glenn Mercers einigermaßen ähnelt. An manchen Stellen ist wiederum die kühl-distanzierte Schönheit der frühen Go-Betweens herauszuhören. Mehr als alles andere aber klingen die Säulenheiligen des Indie-Rock, die Smiths, durch.
Humor + Melancholie
"Es war nicht unsere Absicht, wie irgendjemand Bestimmter zu klingen", erklärt Sänger, Texter und Rhythmus-Gitarrist Cohen. "Was aber die Smiths angeht, muss ich sagen, dass sie zu meinen Allzeit-Favoriten gehören und mich in einem sehr frühen Alter zur Musik gebracht haben." "Bei allen Einflüssen, die da sein mögen", relativiert Bassist Shayde Sartin, mit Cohen das musikalische Hirn der Band, "haben wir doch einen recht spezifischen, individuellen Sound. Unser Alleinstellungsmerkmal ist, glaube ich, dass wir humoristisch und melancholisch zugleich klingen."
"Long Slow Dance" lässt ein Bemühen erkennen, dem Sound einerseits etwas Bewegungsfreiheit zu gewähren und andererseits kleine Spitzen aufzusetzen. Der Geist Buddy Hollys scheint in dem leider nur eineinhalb Minuten langen Abschluss-Track "Wanna Do Right By You" beschworen zu werden. Die Ballade "Executioners Song" ist durch eine Mariachi-Trompete akzentuiert, während "Foolish Person" mit furiosem Distortion-Gitarren-Finish und "Euphoria" mit treibendem Galopp-Rhythmus ungefähr in der Art von Black Sabbaths "Paranoid" kräftige Kontrapunkte zur gelassenen Gangart der meisten anderen Stücke setzen. "Euphoria" ist Cohens persönlicher Favorit auf "Long Slow Dance": "Ich liebe den Sound des Synthesizers und die Stimmung, die es verbreitet". Sartins Wahl fällt auf "Presence Of Mind": "Total effizient, kein Gramm Fett daran, viele Melodien darin - einfach ein schöner Pop-Song".
Beide genannten Songs sind Hymnen an die Lebensfreude. Nicht alle Inhalte geben sich so überschwänglich. Aber grundsätzlich sind Gefühlszustände - und die damit verbundenen und daraus resultierenden Verhaltensweisen - das Thema von "Long Slow Dance". Dabei wird auch so manches Klischee durch den Kakao gezogen. wie etwa im Titelsong das bewährt-vertraute Gegensatzpaar teuflischer Mann/engelsgleiche Frau: "Youll be the purest of wines / and Ill be the dirty cup / we pour a little drink to the perfect romance."
Eine ähnliche Dominanz behauptet der männliche Protagonist in "No Regard". Tim Cohen beeilt sich, festzustellen, dass diese Figuren Konstruktionen sind und nicht etwa ihn selbst repräsentierten. Eher orientieren sie sich wohl an Vorbildern aus Film und Literatur, die auch anderswo durch seine Texte zu geistern scheinen. Wenn ein Stück "Executioners Song" heißt und damit bei einem Buchtitel Norman Mailers anknüpft, scheint der Fall ohnedies klar. Überraschenderweise jedoch gibt sich Cohen sehr vorsichtig, wenn es um literarische Einflüsse in seinen Texten geht. Er sei nämlich gar nicht so besonders belesen.
"Ich würde am liebsten jeden Tag ein Buch lesen, aber das geht sich eben nicht aus. Shayde hat viel mehr gelesen als ich." Dieser wehrt ab: "Ich glaube, Tim ist da übertrieben bescheiden. Lesen ist definitiv ein Thema. Ich lese viel, wenn wir auf Tour sind, während Tim viel schreibt. Wir tauschen uns dabei in Gesprächen aus und vieles in Tims Texten ist definitiv durch solche Gespräche inspiriert. Ob das nun bewusst geschieht oder nicht."
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