
Ein Blick in die Lehrbücher der Küchenpsychologie belegt es ebenso wie der Konsum zu vieler zu schlechter Filme: Frauen, die eine Lebensphase hinter sich lassen wollen, bringen ihr Streben nach Veränderung bald auch optisch zum Ausdruck. Die Garderobe wird gewechselt und es werden Haare gefärbt (oder geschnitten), um dem Morgen verändert, aufgefrischt und zuversichtlich entgegenzublicken: Sieht doch gleich besser aus!
Männliche Bewältigungsstrategien sind demzufolge weniger ambitioniert und enden meist mit dem Plan, an einer Bar Platz zu nehmen. Die Wunschvorstellung lautet, dort von einer Frau, die gerade ihre Garderobe gewechselt und ihre Haare gefärbt (oder geschnitten) hat, zunächst einmal um Feuer gebeten zu werden.
Obwohl und gerade weil Chan Marshall nun wahrlich sehr viel Lebenszeit auf (und nach allzu viel sportlichem Trinkerehrgeiz vor allem unter) dem Barhocker verbracht hat, darf man sich, mit den Pressefotos der 40-jährigen US-Sängerin konfrontiert, ein klein wenig wundern. Immerhin hat sich die Frau einen Kurzhaarschnitt zugelegt, der an die deutsche Popperin Nena denken lässt und auf der nach oben offenen Veränderungsskala nur knapp hinter dem Albumtitel rangiert: "SUN", steht in Großbuchstaben auf dem Cover ihres gleichnamigen und mittlerweile neunten Albums unter dem Alias Cat Power geschrieben, das in einer Woche erscheinen wird.
Nachtschwarzer Anfang
Das ist insofern überraschend, als Marshall zuletzt als melancholisch verstimmte Countrybar-Chanteuse auffällig wurde, deren Ursprünge noch wesentlich abgründiger im dunkelgrau bis nachtschwarz gehaltenen Liedgut zu finden sind. Als Cat Power Mitte der 90er-Jahre noch keine Solounternehmung, sondern ein Bandprojekt war, ging es unter Mithilfe von Steve Shelley und mit durchaus an dessen Stammband Sonic Youth erinnernden Klängen um innere Zerreißproben unter dem Diktat der Depression und die damit verbundene Entfremdung. Karg instrumentierte, entrückte und eindringliche Rohbotschaften in ästhetischer Nähe zu Leidensgenossinnen vom Schlag einer PJ Harvey sorgten auf Alben wie "Dear Sir" oder "Myra Lee" dafür, dass sich das Publikum durchaus um seine Heldin sorgen durfte.
Nachdem sich Marshall bereits früh auch als starke Fremdinterpretin erwiesen und sie ihrem Schaffen mit "Moon Pix" und "You Are Free" neue Facetten abgerungen hatte, wurde es nach zehn nun offenbar nicht bloß mit Kunstleid verbrachten Jahren im Geschäft dann aber tatsächlich bitter. Marshall, zu dieser Zeit für schwierige und nach zwei, drei Liedern und ebenso vielen emotionalen Zusammenbrüchen beendete Konzerte bekannt, war nach einer Psychose im Jahr 2006 nicht in der Lage, die geplante Tour zu ihrem Durchbruchsalbum "The Greatest" zu bestreiten - die daraus resultierenden Finanztumulte wirken bis heute nach.
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