Wien. Nach knapp drei Minuten ist zumeist alles gesagt. The xx sind keine Schwätzer, deren Werk dem Hörer allzu viel Zeit stehlen will. Weil das Gebot der Stunde Haushalten heißt, fällt auch das Schaffen der jungen Leute aus London wirtschaftlich und nachhaltig aus. Aus einer Idee werden gleich mehrere Songs destilliert, die mit minimalen Mitteln wiederum maximale Wirkung erzielen: The xx bespielen die kürzeste Zeit mit der meisten Intensität, der aber keinesfalls aufdringliches Pathos, sondern eine unterkühlt-distanzierte Stimmung zugrunde liegt.

Vor drei Jahren gelang der Band auch deshalb ein großer Wurf, weil sie mit diesem Zugang zu einer Art Protosound fand. In Zeiten der allgemeinen Austauschbarkeit klangen The xx so unverwechselbar und allen Einflüssen zum Trotz einmalig, dass man ausgebuffte Profis hinter dieser Musik hätte vermuten können. Allein: Mit der singenden Gitarren-und-Bass-Front aus Romy Madley Croft und Oliver Sim, Soundbastler Jamie Smith und der mittlerweile entlassenen Keyboarderin Baria Qureshi lernte man die Band als ein Grüppchen britischer Jugendlicher kennen, das erst kurz zuvor begonnen hatte, in der elterlichen Heimgarage ein wenig Musik zu machen.
Schneller Erfolg
Nach vielversprechenden Demoaufnahmen bekam die Band mit dem M.I.A.-Produzenten Diplo prominente Starthilfe garantiert, von der sie sich nach als Irrweg empfundenen Aufnahmesessions selbstbewusst aber gleich wieder trennte, um ihren Erstling alleine zu produzieren. Mit nur wenigen Spuren zwischen tonangebenden Bassmotiven, an The Cure orientierten Gitarrenmelodien, dunklen Mann-Frau-Dialogen und reichlich Hall sowie über die dezente Beigabe aktueller Clubtrends (Dubstep) oder persönlicher Lieblingsmusik (R n B) war die Formel erfunden: The xx klangen intelligent und kunstvoll, dabei aber zurückgenommen und weder kopflastig noch postmodern. Nach dem folgerichtigen Hype und der daraus resultierenden Erfolgswelle (inklusive Preisregen und interkontinentaler Tourtätigkeit) wurde die Band live von Shakira ebenso gecovert wie von den Gorillaz, während sich Jamie Smith mit zahlreichen Remix-Aufträgen zum künstlerischen Direktor emporschwang, der auch den alten Soulpoeten Gil Scott-Heron kurz vor dessen Tod noch einmal modernisierte.
Nachtmusiken
Es folgten der Auszug aus den jeweiligen familiären Obdächern und das ungleich schwierigere Unterfangen, bei erhöhtem Erwartungsdruck ein zweites Album zu schreiben. Dass The xx ihre eigene Formensprache nicht aufgeben würden, war ebenso naheliegend wie ob der Gefahr, die Einmaligkeit des Debüts zu unterwandern, auch gefährlich. Wie das am Freitag erscheinende Nachfolgewerk "Coexist" unter Beweis stellt, hat das Trio die schwierige Hürde aber genommen: Die für Vertrautheit sorgenden Kernkompetenzen werden darauf gebündelt und um neue Nuancen erweitert.
Vor allem Jamie Smith sorgt über sein Mehr an Produktionserfahrung für deutliche Akzente und wandert mit aufblitzenden, von Dubstep-, House und (Minimal-)Techno geprägten Beats in Richtung Track, ohne den Songcharakter des Materials zu beschädigen. Trotz starker Schlüssellieder wie dem lichtscheuen "Fiction" oder dem zum melancholischen Tanz ladenden "Swept Away" funktioniert das Album aber vor allem als Einheit.
Düstere, mit Hang zur dramaturgischen Pause gegebene Dramen wie "Missing" und Abschiedslieder wie das erstmals auch von dissonanten Streichern umspielte "Tides" stehen neben dem Nebel entfliehenden Liebesbekundungen wie "Angels". Während die Band heute auch Steel Drums und vorsichtig aufgetragene Klavierakkorde in den Vordergrund schiebt und bei "Try" stärker denn je auch mit Hip-Hop-Charakteristika spielt: Subbässe brodeln, Keyboards pfeifen, anderswo schnalzen verfremdete Snaredrums, rasseln metallische Percussions und pulsieren rückwärts laufende Loops zärtlich im Hallraum.
Unverändert begleiten uns The xx auch mit "Coexist" durch dunkle Stunden. Eine kleine Nachtmusik zwischen Entschleunigung und angespannter Ruhe: "Come real love/Why do I refuse you?"
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