Wien. Zunächst ein Blick auf die Fakten: "Elysium" ist das erste Album der Pet Shop Boys, das in den USA aufgenommen wurde. Der aus dem Umfeld von Kanye West und Beyoncé bekannte Produzent Andrew Dawson lud zu sich nach L.A., um bei der Sichtung des großteils in Berlin geschriebenen Materials allerdings festzustellen, dass die Pet Shop Boys besser die Pet Shop Boys bleiben sollten.
Nicht selten erinnert "Elysium" entsprechend auch an die Jahre unmittelbar vor dem Fall der Berliner Mauer: Inklusive der spätestens seit dem Soundtrack zu Wolfgang Petersens Unterseedrama "Das Boot" bekannten Keyboardtuscher demonstrieren Neil Tennant und Chris Lowe ihre Rolle als Könige des Synthie-Pop einmal mehr. Wenn Dawson sich auch um zwei, drei R-n-B -Beats bemüht und es mit "Give It A Go" in Richtung Gospel geht, so denkt man dabei doch nur an eines: Dem lose eingestreuten Funk zum Trotz klangen die Pet Shop Boys bereits in ihrem Frühwerk so hüftsteif, wie man sich einen preußischen Feldmarschall im Ruhestand oder eine südsteirische Blasmusikkapelle vorstellt, die erstmals einen Prince-Song einstudiert.
Geschmacksfragen
Das ist natürlich egal, weil es sich die Band dank ihrer theoretischen Verwurzelung an der Kunstakademie leisten kann, schlichte Gebrauchsmusik aus der Dose zu zaubern und sie über zahlreiche Referenzen bedeutsam zu machen. Zusätzlich bewies das Duo die ihm stets unterstellte Geschmackssicherheit mit zumindest als originell zu bezeichnender Produzentenwahl (Trevor Horn, Harold Faltermeyer!) oder mit als Kopfbedeckung verwendeten Topfpflanzen auf eine Art, die Stil unmissverständlich als Frage des Zugangs definierte.
Wie sich vor diesem Hintergrund ein Alterswerk ausgehen soll, ist nicht endgültig geklärt. Sicher ist: Album Nummer elf klingt nur selten wie ein solches, es umkreist mit melancholischen Songs aber überwiegend das im Pop unpopuläre Thema des Älterwerdens. Ausschlaggebend dafür war sowohl der Tod von Neil Tennants Eltern als auch jener einer Freundin der Band, der mit "Requiem In Denim And Leopardskin" das letztlich zuversichtliche Abschlussstück gewidmet ist. Neil Tennants Angst, im Wettkampf der Körper um Aufmerksamkeit nicht mehr beachtet zu werden, kommt im atmosphärischen "Invisible" zum Ausdruck, während der Trennungssong "Leaving" den Verbleib der Liebe über die letzten Dinge verhandelt.
Wir sind Sieger!
Es geht aber auch selbstironisch. Bei "Your Early Stuff" montiert Tennant Aussagen zu einem Songtext, die ihm Londoner Taxifahrer an den Kopf warfen. Diese verwechselten ihn ausgerechnet mit Holly Johnson von Frankie Goes To Hollywood, sofern sie ihn nicht bereits zum Pensionisten abstempelten. Und überhaupt: "Those old videos look pretty funny / Whats in for you now? / Need the money?" Gänzlich als Satire wiederum kommt "Ego Music" daher, das die Showbranche als egozentrischen Auflauf porträtiert und Neil Tennant mit der Feuerzeugballade des Albums nach etwas "Breathing Space" lechzen lässt. Der wird vermutlich draußen am Land gefunden, wo bei der Rosenzucht alles besser ist.
Im Musenhain finden die Boys dann auch Ruhe und Kraft, uns mit den Durchhalteparolen des erheblich an die Musicalsongs eines Eric Idle ("Always Look On The Bright Side Of Life") erinnernden "Hold On" eine Zukunft nach der Krise in Aussicht zu stellen. Es wird, weil es muss - mit der auf Euphorie gestimmten Midtempo-Hymne "Winner", die einen Sieger in uns allen erkennt, bleibt daran kein Zweifel mehr.
In diesem Sinne: Entwarnung für die Pet Shop Boys! Jugendliche Zuversicht dieses Grades ist im Seniorenheim nur auf Besuch anzutreffen.
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