• vom 16.09.2012, 08:00 Uhr

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Update: 18.09.2012, 14:33 Uhr
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Fokussierter und ausgewogener

Calexico: Algiers


Von Bruno Jaschke

  • Sänger/Songschreiber Joey Burns über das schöne neue Calexico-Album "Algiers" - Eine Platte, geprägt von lateinamerikanischen Einflüssen und der Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Die beiden smarten Masterminds von Calexico: Joey Burns (l.) und John Convertino.

Die beiden smarten Masterminds von Calexico: Joey Burns (l.) und John Convertino.Rocky Yosek Die beiden smarten Masterminds von Calexico: Joey Burns (l.) und John Convertino.Rocky Yosek

Was kann man gegen eine Band äußern, die auf so regelrecht beängstigende Weise alles richtig zu machen scheint? Nicht ganz so gelungene Platten? Fehlanzeige! Es gibt kein Calexico-Album, dass auch nur "ein bisserl schwächer" wäre. Selbst eine Live-Compilation wie "Road Atlas" ist unverzichtbar, denn wo sonst hört man ein unendlich ergreifendes Weihnachtslied wie "Gift-X-Change", das es nie auf eine reguläre LP geschafft hat?!
Konzerte? Jedes ein Erlebnis, selbst wenn man schon drei erlebt hat. Jedesmal ein anderes Repertoire, eine andere Spielweise - von ausgelassenem Mariachi-Gebläse und Latino-Rhythmusfeuerwerken über sensiblen Folk bis zur High-Speed-Punk-Rock-Attacke. Gut - ihr Auftritt im Radiokulturhaus mit dem Radiosymphonieorchester (RSO) unter Cornelius Meister war des Guten tatsächlich etwas zu viel, denn wie das 70-köpfige RSO die überirdische Ballade "Black Heart" niederbügelte - die ironischerweise ja von symphonischen Mitteln, freilich feinst nuancierten, lebt -, das klang fast schon wie Guggemusik. Andererseits - Mut zum Risiko.

Information

Calexico: Algiers (City Slang)
Website Calexico
Calexico auf MySpace
Calexico treten am 22. September im Wiener Konzerthaus auf.

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Pop, Jazz & Mariachi
Calexico sind mittlerweile nicht einfach nur mehr eine Band, sondern werden mancherorts wie ein eigenes Genre behandelt. "Film-Leute in Hollywood", erzählt Sänger, Gitarrist und Songschreiber Joey Burns, "sagen, ,hey, für diese Szene brauchen wir Musik mit Calexico-Feeling!‘" Ungefähr so kam dann auch die Kooperation mit dem Regisseur Taylor Hackford zustande, zu dessen Film "Love Ranch" (mit Hackfords Frau Helen Mirren in der Hauptrolle) Calexico den Soundtrack lieferten.

"Algiers" heißt nun das insgesamt siebente Studio-Album der personell recht dehnbaren Formation um die ehemaligen Giant Sand-Musiker Joey Burns und John Convertino (Schlagzeug). Erneut zeigt es ihr Geschick, ihrer Mischung aus Pop, Folk, Rock, Jazz und Mariachi den sprichwörtlichen frischen Anstrich zu geben. "Algiers" ist die gleichermaßen fokussierteste wie bislang ausgewogenste Calexico-Platte. Nach einer heftigeren Rock-Phase - manifestiert im 2006er Album "Garden Ruin" - sind auf "Algiers", wie schon auf dessen unmittelbarem Vorgänger "Carried To Dust", die lateinamerikanischen Einflüsse wieder stärker. Doch wo sie früher weite Räume und Dominanz im Klangbild beanspruchten, sind sie hier behutsam, fast vorsichtig integriert. Die Performance der Bläser ist gefühlvoll und stellenweise ("No Te Vayas"!) schlichtweg sensationell, das feine Salsa-Piano Sergio Mendozas und flamencoartige Gitarrenläufe halten den multikulturellen Radius weit.

"Algiers" ist benannt nach seinem Aufnahmeort, einem touristisch praktisch unversehrten, sehr dörflich anmutenden, in Flussrichtung am rechten Ufer des Mississippi gelegenen Stadtteils von New Orleans. Burns und Convertino hatten dort ein Studio gebucht, das den Namen "The Living Room" trägt und früher eine Baptisten-Kirche war.

Magisches New Orleans
Begonnen wurde die Arbeit (im Herbst 2011) allerdings im heimatlichen Tuscon, Arizona, wo unter Verzicht auf moderne digitale Technologie die Songs auf einem Tape skizziert wurden. "Dann haben wir uns entschieden, anderswo hinzugehen. Unser Produzent Craig Schumacher hat schon lange vorgeschlagen, nach New Orleans zu gehen. Er und seine Frau lieben die Stadt; John liebt als Jazz-Fan die Stadt ebenfalls - das Drum-Kit kommt ja aus New Orleans - und mich zog es ebenso schon lange dorthin."

Burns Faszination für die leidgeprüfte Südstaaten-Metropole wurde genährt durch ein Buch des Musikers und Musikwissenschafters Ned Sublette: "The World That Made New Orleans" (Lawrence Hill Books, 2008). Hierin exponiert Sublette die enge kulturelle Verbindung von New Orleans zu Kuba (die über den Golfstrom eine Entsprechung auf dem Seeweg hat). "Im Song ,Sinner and The Sea’ beziehe ich mich darauf", erklärt Burns. "Die Zeile ,Louis traveling a ’59, making it halbway across the golf’ handelt von einem kubanischen Flüchtling, der mit einem schwimmfähigen Auto in die Staaten zu kommen versuchte. Er hatte es halb geschafft, da wurden er und seine Familie aufgegriffen und zurückgeschickt, ihr Auto-Boot wurde versenkt. Er versuchte es wieder und diesmal gelang es. Heute arbeitet er bei einem Chevrolet-Händler und ist der beste Mann dort. Er hat sogar eine rekonstruierte Version seines 59er-Vehikels. Da ist noch ein Song, ,Puerto’, der sich mit Grenzen befasst. Ein Typ namens Rigo bringt eine Art Ballon auf seinem Auto an, um eine Grenzmauer zu überwinden. Ein wenig habe ich dabei auch an Geschichten von der Berliner Mauer gedacht, die ich gehört habe."

Auf den unmittelbaren Sound von "Algiers" hatte der gleichnamige Arbeitsplatz erstaunlich wenig Einfluss. "Der Impakt ist auf einer eher subtileren Ebene reflektiert", sagt Burns. "Es ist etwas Besonderes an dieser Stadt. Ich schwöre Ihnen: Tuscon und New Orleans sind Schwesterstädte. In New Orleans feiert man wie in Brasilien den Mardi Gras, und man feiert auch die Heiligen. Wir in Tuscon haben den Dias de los muertos, den Tag der Toten. Diese Einbeziehung der spirituellen Welt in den Alltag ist beiden Städten gemeinsam. Das ist der Einfluss der südliches Hemisphäre, der ich mich auch kulturell immer verbunden gefühlt habe. Ich habe keinerlei spanische, portugiesische oder südamerikanische Vorfahren, aber ich liebe einfach Latino-Jazz, afrikanische Musik, portugiesischen Fado, mexikanischen Folk."




Schlagwörter

Pop-CD, Calexiko

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-14 16:56:08
Letzte Änderung am 2012-09-18 14:33:20


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